1. Einleitung

Didier Eribon (*1953) ist – Selbst- und Fremdbeschreibungen in diversen Medien folgend – Journalist, Autor, Soziologe, Philosoph, einer der wichtigsten Vertreter der LGBT Studies und Verfasser von klassischen Texten in diesem Bereich. Selten wird allerdings thematisiert, dass er auch ein extrem erfahrener Biograf und Autobiograf ist. Mehr als die Hälfte seines monografischen Werkes ist in der einen oder anderen Form auto/biografisch und gerade für die in der Biografietheorie wesentlichen und viel diskutierten Zusammenhänge von Biografie und Autobiografie sowie von Auto/Biografie und Theorie eröffnen seine Arbeiten ein spannendes und spannungsreiches Untersuchungsfeld.

Anlass dieses Textes und zugleich gegenwärtiger Höhepunkt seiner auto/biografischen Praxis ist Eribons Bestseller Rückkehr nach Reims (2016), der speziell im deutschsprachigen Raum – sieben Jahre nach seinem Erscheinen in Frankreich (2009) – viel Aufmerksamkeit erfuhr: "Als 'Rückkehr nach Reims' im Mai 2016 auf Deutsch erschien, ist es bei mir drunter und drüber gegangen", bemerkte Didier Eribon in einem Interview, in dem er auch betonte, dass er seine "autoanalytische Methode" oder "soziologische Autoanalyse" dezidiert als etwas "Neues" verstanden wissen wollte: Das Buch sei "nicht nur eine Autobiografie und nicht nur ein politischer Essay, sondern beides zusammen."1 Hier wie auch in der Vertiefung und Fortsetzung seiner "bis zum Äußersten getriebenen Selbstanalyse"2 unter dem Titel Gesellschaft als Urteil (2013, deutsche Übersetzung 2017) wird klar, dass Eribon zunächst versuchte, sein Schreibprojekt soweit wie möglich vor Zuordnungen zum Genre und zum Begriff "Autobiografie" zu bewahren: "[…] mein ganzes Bemühen [war] auf eine Entpersonalisierung, auf das Kollektive, auf eine 'soziologisierende' Darstellung gerichtet."3

Für die Vermarktung des Buches waren allerdings die autobiografischen Anteile zentral, wie auch Eribon in der Diskussion über die Umschlaggestaltung etc. zunehmend zur Kenntnis nehmen musste.4 Sie waren es auch, die Eribons soziologische Analyse nicht zuletzt zu einer "gut lesbaren Geschichte" machten, die für den Erfolg des Buches sicherlich ausschlaggebend war.5 Einer genaueren Analyse dieser Eribon'schen Methode der "Autosoziologie" oder "soziologischen Introspektion" möchte ich zunächst eine knappe Befassung mit dem Biografen Eribon sowie mit dem Zusammenhang von Biografie und Theorie voranstellen.

2. Intellektuelles Leben

Auf autobiografische Anteile in Biografien wie auch auf den Einfluss einer Geschichte des biografischen Denkens auf Auto/Biografien wurde wiederholt hingewiesen und es kann – etwa mit der feministischen Soziologin Liz Stanley – von einer Untrennbarkeit des Schreibens über das Selbst (Autobiografie) und des Schreibens über den Anderen (Biografie) ausgegangen werden.6 Die Schreibweise "Auto/Biografie" wurde und wird immer wieder genutzt, um diese Hybridität zu veranschaulichen. Sie erweist sich jedoch auch als problematisch – unter anderem dann, wenn es darum geht, Selbst- und Fremdbeschreibungen trotz der Annahme ihrer steten Verbindung als solche kenntlich zu machen. Im englischsprachigen Raum wurde aus diesem Grund der Terminus "auto/biography" zugunsten des offeneren und einfacheren Überbegriffs "life-writing" wieder weitgehend verworfen.7

Abseits dieser Begrifflichkeiten ist für Didier Eribon festzuhalten, dass sein biografisches Arbeiten autobiografisch tatsächlich höchst bedeutsam war, diese Bedeutung und die Arbeit selbst jedoch vorerst in keiner Weise reflektiert wurden. Erst in seinem Epilog zu Rückkehr nach Reims begann Eribon seinen Weg nach einem gescheiterten Doktoratsstudium nachzuzeichnen und es wurde deutlich, dass "[a]usgerechnet die Zugehörigkeit zur schwulen Pariser Community […] ihm das soziale und kulturelle Kapital zur Verfügung [stellte], mit dem er sich eine intellektuelle Karriere aufbauen [konnte], erst als Journalist, dann als Akademiker. Diese Selbstgestaltung als schwuler Intellektueller bedeutet[e] aber auch maximale Distanzierung zur eigenen Herkunftsfamilie."8 Den "größten Denkern dieser Zeit", mit denen er damals in Kontakt kam, biografisch im doppelten Wortsinn nahezutreten – also nicht nur durch Freundschaft, sondern bald auch durch Aufzeichnung ihres Lebens –, diktierte unter anderem finanzielle Notwendigkeit: "[…] irgendwie musste ich meinen Lebensunterhalt verdienen."9

Basierend auf der als Journalist für literarische und philosophische Themen gefestigten "Teilhabe am intellektuellen Leben" wagte Eribon erste monografische Projekte. Auf Gespräche mit Georges Dumézil (1987) folgte Eine Autobiographie in Gesprächen mit Claude Lévi-Strauss (1989), in denen allerdings biografietheoretische Fragen oder besondere auto/biografische Zugriffe noch in keiner Weise eine Rolle spielten.10 Eribon ging es in diesen Büchern auch weniger um Biografisches als um "das geistige Leben, die Ideengeschichte".11 Auch schienen diese Gesprächsbände "zunächst eine Fortsetzung meiner journalistischen Aktivitäten zu sein. Durch den Wechsel ins Buchformat änderte sich meine Arbeitsweise aber doch sehr grundlegend."12

Erst das durch Dumézil angeregte Projekt einer Biografie Michel Foucaults zwang ihn dann ausführlicher über die Form und Bedeutung von Biografie und seine eigenen Ansprüche in diesem Zusammenhang nachzudenken. Das Buch, das 1989 erschien, beginnt mit den Worten: "Es mag paradox erscheinen, eine Biographie Michel Foucaults zu schreiben."13

Paradox, weil etwa jede/r, die/der sich biografisch mit Michel Foucault auseinandersetzt, sich produktiv zu dessen Strategien der Selbstanonymisierung verhalten muss, zu seiner Infragestellung oder gar Abschaffung von Konzepten wie Authentizität, Identität, Subjektivität, die "einzig die Arbeit des Biographen mit einem Bannfluch" zu belegen scheinen. Didier Eribon setzte sich in der Folge allerdings dezidiert nicht mit den Widersprüchlichkeiten auseinander, die entstanden, wenn man Foucaults Thesen und biografisches Denken zu verbinden versuchte. Stattdessen meinte er, dass der "antibiographische Widerstand" gegen sein Unternehmen, den er durchaus wahrnahm, hauptsächlich mit dem "Skandalon, das – noch heute – die unverblümte Nennung der Homosexualität bildet" zusammenhänge.14 Er wollte in diesem Kontext weder vertuschen noch enthüllen – und generell war es auch ihm darum zu tun, seine Person aus der Erzählung herauszuhalten: "Mehrfach bin ich bei den Ereignissen, über die ich berichte, präsent oder beteiligt gewesen. Ich habe es systematisch zu vermeiden versucht, in der ersten Person zu sprechen[,…] habe […] meine Augenzeugenschaft durch die anderer ersetzt."15

Und gleichwohl Eribon wusste, dass biografische Wahrheit nicht zu haben war, dass "ein Leben zu schildern […] eine im strengen Sinn unendliche Aufgabe" war und dass Biografie, wenn überhaupt, als "kollektive Geschichte" geschrieben werden sollte, blieb er zum einen doch (sicherlich auch mit Blick auf den Buchmarkt) sehr traditionell bei einer chronologischen Entwicklungslinie mit starkem Werkbezug und klarem Scheinwerferlicht auf Foucault. Zum anderen ging es – und auch das gehört zu den traditionellen Aufgaben des Genres Biografie als "paradigmatische Gedächtnisgattung"16 – ganz eindeutig um die Kanonisierung des Biografierten, also darum, seine Bedeutung zu befestigen. So wenig Eribon in seiner Foucault-Biografie die Bewunderung und Faszination für seinen Gegenstand verhehlte, so wenig problematisierte er auch später in Rückkehr nach Reims sein biografisches Engagement für Foucault:

Ich hatte [durch die Arbeit an seiner Biografie] einen Weg gefunden, um mich in einer Zeit für Foucault zu engagieren, in der sein Name und sein Werk von neokonservativen Cliquen beleidigt und diffamiert wurde, die eine Schlüsselposition nach der anderen eroberten und glaubten, unwidersprochen behaupten zu können, ihre Weltanschauung und ihre Urteile würden allgemein geteilt […].17

Im autobiografischen Rückblick wird auch deutlich, dass Eribon – der ja, wie er damals selbst aussagt, beflissen war, sich nicht autobiografisch in seine biografische Erzählung zu verstricken – sich nicht zuletzt doch stark mit Foucault identifiziert haben dürfte: "Wenn ich diese schmerzvollen, von glühender Leidenschaft geprägten Texte aus dem Frühwerk Foucaults wiederlese, erkenne ich darin einen Teil von mir selbst."18 Diese Identifizierung und emotionale Verbindung sind es, die nicht zuletzt Eribons Foucault-Biografie zu einer Heldengeschichte machen, die für Biograf und Biografisierten zum richtigen Zeitpunkt kam, deren auto/biografische und identitätspolitische Hintergründe aber mehr oder weniger unreflektiert blieben. Trotz aller gründlichen Recherche, Kontextualisierung und Diskursivität wurde der tote "Autor" auf einen Sockel gestellt und seine Präsenz, sein Prestige in einer Art festgeschrieben, die Michel Foucault selbst womöglich zurückgewiesen hätte. Wenn Foucault nämlich über Auto/Biografisches nachdachte, dann waren Bewegung, das Ausweisen von Übergängen oder Umwegen und ganz grundsätzlich Experimentalität wichtige Stichworte, die er gegen das Statische und Monumentale der Auto/Biografie setzte.19

3. Theorie und Auto/Biografie

2015 erschien ein Buch mit dem doppeldeutigen Titel Der Einfall des Lebens. Den drei Autoren ging es um die in der Wissenschaft oft geradezu als ketzerisch empfundene Frage, "wie sich Theorie und Autobiographie wechselseitig erhellen": Wie konnte es gelingen, abseits von Projektion und autobiographischem Reduktionismus den großen Bruch mit der "theoretischen Anonymität", der im 20. Jahrhundert massenhaft vollzogen wurde, nachzugehen und Grenzgänge und Grenzüberschreitungen, wie sie oft mit neuen Forschungsgebieten und Methoden einhergingen, zu analysieren.20 Michel Foucault, der die Theorie immer wieder "in geradezu aggressiver Weise von Leben und Person des Theoretikers" abgrenzte, wird hierin zu einem spannungsvollen Fallbeispiel neben Ludwig Wittgenstein, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Pierre Bourdieu, Susan Sonntag und anderen.

Der Essay über das "Schwellenwesen" Foucault eröffnet seine Argumentation mit Blick auf eine ungewöhnliche Autorennotiz Foucaults, die 1961 der Erstausgabe von Folie et déraison voranstand und die "das theoretische Problem, das in diesem Buch verhandelt wird, […] als Pendant persönlicher Erfahrungen" erscheinen ließ. Ausgehend von dieser Autorennotiz zeichnen die Autoren nach, wie Foucaults "theoretisches Projekt […] immer auch und zugleich ein autobiographisches Projekt" war und zitieren ihn u. a. mit dem bekannten Satz: "Ich [habe] stets darauf Wert gelegt […], dass meine Bücher in einem gewissen Sinne Bruchstücke einer Autobiographie sind."21 Sie zeigen auf, wie Auto/Biografie und die ihr zuzurechnenden Konzepte für Foucault "im Zeichen der Bewegung, des Übergangs, des Experiments" stehen müssen und wie daher seine Zurückweisung einem "Ich" gilt, das sich "in [seiner] Präsenz festsetzt und auf Dauer stellt". Insgesamt wird diagnostiziert, dass Foucault vom "Menschen als Schwellenwesen" ausgeht und so "die Balance im Bezug zwischen Autobiographie und Theorie [wahrt] und verhindert, dass erstere zum konstruierten Artefakt oder letztere zum privaten Bekenntnis verkommt."22

Das Zusammenspiel von Theorie und Autobiografie im Leben und Werk Foucaults eröffnet ein Spannungsfeld, in dem sich – nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer Kulturgeschichte des biografischen Denkens – sicherlich auch noch andere Schwerpunkte ausmachen und andere Schlüsse ziehen lassen. So könnten Foucaults "Praktiken der Selbstbeschreibung" im historischen "Prozess der Individualisierung" und vor dem Hintergrund der weiten "Verbreitung modellhafter Biographien" noch viel genauer analysiert werden. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass "Individualität […] der Entwurf einer europäischen, männlichen, weißen Elite" ist und die "Inanspruchnahme von biographischen Formen des Selbstbezugs […] damit zuerst einmal die Behauptung [ist], an dieser privilegierten Position teilzuhaben", wie die Zeithistorikerin Johanna Gehmacher festhielt.23 Wesentlich und gerade für die Person Foucaults besonders interessant ist dabei aber, dass, wie bereits vielfach anklang, seine Ideen inzwischen auf verschiedene Weise in die Biografieforschung eingegangen sind. Speziell wissenschaftlichen BiografInnen, die die Forderungen der Theorie ernst nehmen, ist es darum zu tun, menschliches Handeln multiperspektivisch als strukturiertes und strukturierendes Tun darzustellen, den Blick auf den Protagonisten/die Protagonistin zu dezentrieren, Produktionskontexte und Relevanzkonzepte mitzudenken, Struktur und agency, Erfahrung und Diskurs, kollektives Gedächtnis und persönliche Erinnerung in Verbindung zu setzen und das geschriebene Leben so in Bewegung zu halten. Eine Reihe von Sammelbänden und Monografien befassen sich mit dem Problem,24 dass "[…] über die Partikularität des Einzelfalles hinaus und jenseits des Anspruchs auf Repräsentativität […] Biographieforschung das Allgemeine im Besonderen heraus[arbeitet] und […] dabei immer vor einem theoretischen und auch methodischen Engpass [steht]."25

Es gibt aktuell viele Wege, eine Biografie methodisch sinnvoll zu fundieren, und leider nach wie vor sehr wenig umgesetzte Beispiele. Und hier schließt sich der Kreis zur Bedeutung von Didier Eribons autobiografischem oder autoanalytischem Unternehmen, das als Experiment neue Standards (nicht zuletzt für die Foucault-Biografik) setzt.

4. Ein Netz von autobiografischen Diskursen

"Natürlich ist eine […] Programmatik leichter zu verwirklichen, wenn man nicht die eigene, sondern die Biografie eines anderen Autors schreibt", hielt Didier Eribon beim Nachdenken über Sartre und dessen Flaubert-Studie fest.26 Tatsächlich war es bei ihm selbst umgekehrt.

Schon in seiner Foucault-Biografie war Eribon zwar die Bedeutung von Diskursen und kollektiven Erfahrungen klar. In diesem Sinne zitierte er auch eine Passage aus einem Foucault-Interview aus dem Jahr 1983 zu Foucaults Jugendjahren im Zweiten Weltkrieg:

Weitaus mehr als das Familienleben bilden die Ereignisse des 'Weltlaufs' die eigentliche Substanz unseres Erinnerungsvermögens. Ich sage 'unseres', weil ich sicher bin, daß die Mehrzahl der Jungen und Mädchen damals dieselbe Erfahrung machte. Unser Privatleben war wahrhaft bedroht. Und das ist wahrscheinlich der Grund, weswegen ich von einer Geschichte und von der Beziehung zwischen persönlicher Erfahrung und jenen Ereignissen fasziniert bin, in die wir verstrickt sind. Ich glaube, das ist der Ausgangspunkt meiner theoretischen Neigungen.27

Systematisch oder methodisch jedoch kam diese Erkenntnis in seiner biografischen Konstruktion um Foucault nicht zum Tragen. Umgekehrt war nach der Foucault-Biografie eine intensive Befassung mit Kollektiv und Theorie der Ausgangspunkt für Didier Eribons Rückkehr zur Auto/Biografie. Im Anschluss an eine weitere Arbeit über Michel Foucault und seine Zeitgenossen (1994) entstanden die theoretischen Werke Réflexions sur la question gay (1999) und Une Morale du minoritaire (2001), die Eribon als "Kampf" und "Verspätung" erlebte: "Ich hatte Zeit gebraucht, um in meinem eigenen Namen zu denken."28 Zwar sah Eribon selbstverständlich auch seine "gesamte theoretische Arbeit […] motiviert von dem Bestreben, mich selbst, meine Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen",29 doch erst in der autoanalytischen Rückkehr geht es um die "Art, mich als schreibendes Subjekt in mein Schreiben zu verwickeln", um die Reflexion einer "bestimmte[n] Weise, mich selbst in der Gegenwart zu definieren und zu subjektivieren, ich legte mir […] eine bestimmte Vergangenheit, Kindheit und Jugend zurecht: Ein schwules Kind sei ich gewesen, ein schwuler Heranwachsender, kein Arbeiterkind. Und doch!"30

Hier erst erfasste Eribon das Zusammenspiel des individuellen mit dem kollektiven Gedächtnis, das er als "nicht nur plural verfasst, sondern auch historisch veränderlich" definierte, und machte sie in Zusammenhang mit seiner Person begreifbar.31 Und er zeigte die Spannung zwischen Determinismen und individueller agency nicht nur auf – sie durchzog auch konsequent das in fünf Teilen und einem Epilog strukturierte Buch:

Die Spuren der Vergangenheit kann aber auch die radikalste Selbsttransformation nicht voll und ganz verwischen. Diese Vergangenheit, die nichts anderes ist als die Welt, in der wir sozialisiert wurden und die in uns und um uns fortbesteht, wird durch sie konserviert. […] Auch deshalb führt es nicht weit, wenn man den Wandel und die 'Handlungsfähigkeit' (agency) den Determinismen oder der selbstreproduzierenden Kraft der sozialen Ordnung oder der sexuellen Normen entgegenstellt oder ein Denken in 'Freiheit' einem Denken der 'Reproduktion'. All diese Dimensionen sind unauflösbar miteinander verbunden und überschneiden sich.32

Auch wenn Eribon sich in diesem Zusammenhang und andernorts wiederholt auf Foucault, mit dem ihn nicht zuletzt die gemeinsame Erfahrung der Homosexualität verband, berief,33 war es doch – wie er selbst festhielt – diesmal noch viel wesentlicher Pierre Bourdieus soziologische Theorie und insbesondere dessen Spätwerk, das seiner eigenen Autoanalyse als Ausgangspunkt und "Gegenmodell" zugrunde lag.34 Zwar kritisierte Eribon Bourdieus Selbstporträts, die dieser ebenso keinesfalls als Autobiografie verstanden wissen wollte, als zu rücksichtsvoll und daher unvollständig, doch ihm war klar, "dass meine Bindung zu Bourdieu und seinem Werk mir auf ähnliche Weise bei der Erkenntnis und Überwindung der sozialen Scham behilflich war wie der Einfluss Foucaults bei der Thematisierung und Bewältigung der sexuellen Scham."35 Gleichwohl Eribon die Gegensätzlichkeiten in Foucaults und Bourdieus Theorie- und Begriffsgebäuden verhandelt und sich in Rückkehr nach Reims theoretisch und autobiografisch stärker bei Bourdieu positioniert – besonders was die Formung des Individuums und sein dialektisches Verhältnis zu gesellschaftlichen Strukturen angeht –, verband er die beiden nicht zuletzt dadurch, dass er mit Foucault auch Bourdieus Werke als "autobiografische Fragmente" sah36 und fand, "dass die philosophischen Ansätze beider Autoren in ihrer Lebenserfahrung gründen".37

Im Gegensatz zu Bourdieu meinte Eribon nun aber, in seiner Autoanalyse alle wissenschaftlichen und anderen Rücksichten verworfen zu haben und sich in "Radikalität" zu üben, die, "hat man sie erst einmal erreicht, zu etwas [wird], das es seinerseits zu überschreiten gilt. Man spürt die Verpflichtung immer weiterzugehen, immer tiefer in die Geheimnisse der sozialen Magie einzudringen, die mit furchtbarer Effizienz dafür sorgt, dass Herrschaftsmechanismen fortbestehen und die politische Ordnung sich hält."38

Es bedürfte hier noch einer eingehenderen Analyse, um das Zusammenspiel von Theorien und Thesen in Eribons Leben und Autobiografie – um sie nun doch einmal auf diesen Begriff festzulegen – differenzierter aufzuzeigen. Es wäre zu fragen, wie viel Radikalität gegen das eigene Selbst möglich ist. Es wäre womöglich auch mit Eribons eigenen Worten darauf zu verweisen, dass Selbstanalyse und Autobiografie nach wie vor gemein haben, dass sie den "Autor" als "absoluten Monarchen" des eigenen Lebens einsetzen: "Er wählt aus, was erzählt und was weggelassen werden soll."39 Es wäre darauf zu verweisen, dass es sich auch bei Eribons radikaler Interaktion von Theorie und Autobiografie um eine Selbststilisierung und -inszenierung handelt, gekennzeichnet durch bewusste und unbewusste Auslassungen und andere narrative Strategien. "Nichts ist selbstverständlich in der Biographieforschung", postulierte der Historiker Thomas Etzemüller und meinte damit, dass nichts als selbstverständlich hingenommen werden dürfe.40 Vieles kann und muss dabei auch widersprüchlich bleiben.

So weichen etwa bereits die Schreibanlässe, die Eribon erinnert, voneinander ab: Einmal gab er an, dass seine Dankesrede für den renommierten Brudner-Preis in Yale die kritische Relektüre seines Lebens und damit das autobiografische Projekt angeregt habe.41 An anderer Stelle heißt es: "Die Idee kam mir, als mir meine Mutter gestanden hat, dass sie einmal den Front national gewählt hat. Mein Bruder hat mich gefragt, warum ich so überrascht sei, für ihn war das normal. Da habe ich darüber nachgedacht, wie sich unsere Gespräche verändert haben."42 Auch in diesen beiden Anlässen spiegeln sich letztlich die beiden Pole des Buches. Während der erste Anlass deutlicher Bezug auf die Lebensgeschichte an sich und den besonderen Zugriff (Teil I), auf die Geschichte der Familie und ihrer Kontexte (Teil II), auf die Analyse des eigenen Bildungsweges (Teil IV) und der Homosexualität (Teil V) nimmt, bezieht sich der zweite Anlass auf Eribons vor allem in Teil III vorgenommene Analyse der politischen Metamorphosen und ihrer Begrifflichkeiten. Dieser dritte Teil, von dem hier aufgrund der gewählten biografietheoretischen Perspektive kaum die Rede war, ist sicher jener, der am meisten "Theorie" enthält, ohne jedoch den persönlichen Bezug zu verlieren. Denn das Festhalten an beiden Perspektiven hält Eribon mit unterschiedlicher Gewichtung im ganzen Text durch.

Im Zusammenhang damit, dass der "Blick zurück […] von der gegenwärtigen Politik"43 ausging, berief sich Eribon auf Annie Erneaux, die ähnliche Ausgangspunkte für ihre autobiografischen Unternehmungen nannte. Und in dieser Bezugnahme wird abseits der Theorie noch ein ganz wesentlicher – und in dieser Deutlichkeit auto/biografisch bisher nicht gekannter – Aspekt von Didier Eribons autobiografischer Praxis sichtbar: Er suchte und fand durch intensives Lesen auto/biografische Bezüge zu diversen anderen AutorInnen wie eben Annie Erneaux, James Baldwin, Violette Leduc, Assia Djebar, Simone de Beauvoir und vielen mehr, die er kontinuierlich vergegenwärtigte, mit denen er in Dialog trat. "Jede Selbstwahrnehmung ist relational […]", erklärte er selbst.44 Indem er ein Netz aus autobiografischen Diskursen spannte und sich darin verortete, legte er nicht nur offen, dass Selbstzeugnisse "komplexe Netze von Interaktionen"45 sind, sondern erprobte speziell in Gesellschaft und Urteil auch autobiografische Diskursanalyse. Er selbst lebte, wie er sich in Rückkehr nach Reims erinnerte, schon seit seiner Schulzeit mit den Autobiografien anderer, speziell mit de Beauvoirs Memoiren:

Heute weiß ich natürlich, wie viel an diesen Memoiren Legende ist, wie viel sie einer heroischen Verklärung verdanken. Aber genau diese Legenden interessierten mich damals. […] Man bewunderte die großen Figuren, man identifizierte sich mit ihnen und brannte darauf, ein Teil ihrer Welt zu werden, es ihnen in ihrer schöpferischen Geste gleichzutun.46

Rückkehr nach Reims kann also insgesamt als das Ergebnis verschiedenartiger und ungewohnter auto/biografischer Praktiken auf Basis einer breiten Lebens- und Theorieerfahrung gelesen werden. Indem Didier Eribon seine Zeit- und Autoanalyse derart theoretisierte und daraus Bestseller-Material machte, hat er nicht zuletzt wissenschaftlich Biografierenden endgültig jede Ausrede genommen, Theorie und Empirie in biografischen Darstellungen systematisch zusammenzudenken. Seine radikale Rückkehr – und womöglich bis zu einem gewissen Grad auch Gesellschaft als Urteil – wird sowohl als Untersuchungsgegenstand wie auch als theoretische Grundlage in der Biografieforschung einflussreich bleiben.