1. Einleitung

Michel Foucault war kein Historiker; Bruno Latour ist kein Soziologe – und dieser Mangel an disziplinärer Kategorisierbarkeit ist nicht ihre einzige Gemeinsamkeit. Ob man diesen Charakterisierungen nun zustimmen möchte oder nicht, ganz aus der Luft gegriffen sind sie nicht: Es könnte sich dabei sowohl um eher pejorativ zu begreifende Fremdzuschreibungen1 als auch um ironisierende – theoretisch aber fundierte – Selbstzuschreibungen handeln. Erstere entstehen meist aus Gründen disziplinärer Abgrenzungsbemühungen 'echter' Soziologen und Historiker, letztere aus einer tiefen Abneigung gegen moderne Identifikationsbestrebungen, die beide Autoren – wenn auch wahrscheinlich aus unterschiedlichen Gründen – teilen. Insgesamt führen sie dazu, dass die disziplinäre Rubrizierung von Foucaults und Latours Œuvres schwierig war und bleibt. Diesen Umstand bedingt aber vor allem die Tatsache, dass die beiden Autoren zwar eine Fülle detailreicher empirischer Analysen vorgelegt haben, ihre methodischen An- oder besser Grundsätze allerdings über weite Strecken nur implizit durch die empirischen Betrachtungen durchscheinen. Daraus ergibt sich nicht nur eine möglicherweise verstörende Vagheit, sondern auch eine produktive Offenheit, die bekanntlich sowohl im Hinblick auf Foucaults als auch auf Latours Werk zu einer unüberschaubaren Vielfalt an Anschlüssen geführt hat und führt.

Nicht nur für historische und/oder soziologische Untersuchungen, sondern auch für die noch recht jungen Disziplinen der Medien- und der Kulturwissenschaft2 erweist sich das method(olog)ische Potenzial der Foucault'schen Archäologie und Genealogie bzw. der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) und neuerdings auch der Soziologie der Existenzweisen Latour'scher Provenienz als äußerst fruchtbar. Allerdings werden auch ihre Grenzen deutlich benannt. Reduzieren lässt sich, was sowohl ANT als auch Soziologie der Existenzweisen respektive Diskurs- und Dispositivtheorie vorgeworfen wird, kurz gesagt darauf: die (vermeintliche) Abwesenheit bzw. Nicht-Abbildbarkeit von Macht, Herrschaft und Unterwerfung in Latours und die (ebenso vermeintliche) Abwesenheit der Handlungsmacht des Subjekts in Foucaults theoretischen Ansätzen.3

So betrachtet, scheinen die beiden beinahe komplementär zu sein; schließlich stehen unbestritten Fragen der Macht im Mittelpunkt von Foucaults und Fragen der agency im Fokus von Latours Arbeiten. Umso merkwürdiger, dass ihre Methoden nur selten kombiniert werden. Dies gilt insbesondere für die 'aktualisierte' ANT der Latour'schen Existenzweisen4, die bei bereits bestehenden Verknüpfungsversuchen noch nicht berücksichtigt wurde.5 Die folgenden Überlegungen sollen hier ansetzen: Sie bringen die diskurs- und machttheoretischen bzw. -analytischen Ansätze Foucaults mit der Soziologie der Existenzweisen, ergänzt durch Seitenblicke auf ältere Arbeiten Latours, in einen Dialog.6 Dabei weichen sie recht deutlich von dem ab, was Latour und Foucault selbst vorgelegt haben, insofern sie sich an keinem konkreten, ihnen gleichsam äußerlichen Gegenstand abarbeiten. Vielmehr versuchen sie, deren Methoden, wie sie implizit oder explizit zu rekonstruieren sind, so zu systematisieren, dass sie operationalisierbar und damit allererst anwendbar für konkrete Analysen werden. Sie vollziehen also gewissermaßen einen ersten Schritt hin zu einer Verbindung der beiden Ansätze, der überhaupt erst die Voraussetzung für einen zweiten Schritt, die Exemplifikation am konkreten Gegenstand, darstellt.

Um eine sinnvolle Kombination von Akteur-Netzwerk-Theorie und Dispositivanalyse zu ermöglichen, werden in der Folge zwei Momente der beiden Ansätze in Beziehung gesetzt, anhand derer sich die Fruchtbarkeit einer methodischen Verknüpfung am ehesten evident machen lässt. Als erster Ausgangspunkt soll der Nachweis geführt werden, dass die ANT der Existenzweisen auf einer diskursiven Logik basiert – allerdings mit dem Vorteil, dass diese Verfahrenslogik nicht auf (sprachlich oder besser textlich vorliegende) Aussagen beschränkt bleibt. Im Zuge dessen wird zu zeigen sein, dass die Ansätze Foucaults und Latours theoretisch überhaupt miteinander kompatibel sind. Zweitens wird ein Problem Foucaults mit seinem Dispositivkonzept nachgezeichnet, das sich in ganz ähnlicher Weise für das Konzept der ANT stellt und dessen Lösung sich Latour mit der Formulierung seiner Existenzmodi anzunehmen scheint. Es wird sich allerdings erweisen, dass deren Anwendbarkeit auf 'Foucaults Problem' nicht gelingen kann, denn Akteur-Netzwerk-Theorie und Dispositivanalyse setzen ihre jeweiligen Untersuchungen auf (zu) verschiedenen Strukturebenen an. Das Fazit soll zeigen, dass diese Tatsache beide Perspektiven allerdings nicht völlig inkompatibel miteinander macht, sondern im Gegenteil einen Gewinn darstellt, da ihre Kombination eine umfassendere Perspektive auf "Natur/Kultur[en]"7 erlaubt.

2. Die Diskurslogik der ANT (der Existenzweisen)

Anders als die Akteur-Netzwerk-Theorie ist Foucaults Archäologie vor allem eines: historisch. Es geht darum, "nicht die allgemeinen und formalen Konstruktionsgesetze von Diskursen, sondern deren historische Existenzbedingungen"8 zu erkennen. Wenn Diskurse selbst aber "in ihrer akzeptierten und quasi institutionellen Individualität [nur] die Oberflächenwirkung von konsistenteren Einheiten sind"9, geht es dabei letztlich um die Frage, unter welchen Umständen kulturell akzeptable Aussagen zu einer bestimmten Zeit an einem spezifischen Ort entstehen, sich miteinander verbinden und so ein "mögliches Wissensfeld"10 etablieren. Damit verbunden ist auch die Frage, warum bestimmte Aussagen, die vielleicht hätten auftreten können, dies nicht tun und vom Wissensfeld ausgeschlossen bleiben.

Diskursanalyse meint in dieser Hinsicht daher eigentlich Aussagenanalyse, denn Aussagen lassen sich durch ihre Existenzfunktionen verknüpfen und ermöglichen so die Genese von Diskursen. Aussagen werden untersucht, folgt man Foucaults Darstellung in der Archäologie des Wissens, indem 1) das 'Referential' der Aussage, 2) die Subjektposition, die die/der Äußernde der Aussage einnehmen muss, 3) das assoziierte Aussagenfeld und schließlich 4) ihr materieller Status geklärt werden.11 Wenn sich auch Akteur-Netzwerk-Theorie und Diskursanalyse in ihrem Anspruch, historische Veränderungen begreiflich zu machen, deutlich unterscheiden, so lässt sich doch nachzeichnen, dass Latours Denken im Kern einer Foucault'schen Diskurslogik nicht bloß nahesteht, sondern gewissermaßen auf einer diskursiven Logik beruht – auch wenn Latour konkrete Hinweise darauf in seinen Schriften vermissen lässt. Ausgehend von den genannten Existenzfunktionen der Aussage soll diese Beobachtung in der Folge evident gemacht werden:

1. Aussagen schaffen ein Referential. Eine Aussage ist also nicht bloß eingebunden in und gebunden an die Gegenstände und Personen (und deren Zustände), von denen sie handelt, sondern schafft allererst den "Raum der Differenzierung, worin sie selbst die Unterschiede auftauchen lässt"12. Erst die Tatsache, dass eine Aussage existiert, führt daher dazu, dass die von ihr adressierten Objekte und Individuen, deren jeweilige Verfasstheit sowie der Ort, an dem sie auftauchen, als Objekte/Individuen eines bestimmten Zustands in einem in besonderer Weise gegliederten Raum zu existieren beginnen. Assoziationen zur ANT sind nicht zufällig. Gerade Latours konkrete Untersuchungen zu naturwissenschaftlichen Forschungsprozessen, wie etwa die in seinem Beitrag Zirkulierende Referenz13 angestellten Beobachtungen zur Kartierung des Urwaldbodens im Amazonasgebiet, zeigen, wie durch eine Reihe von Übersetzungen Objekte und Zustände in der Welt isoliert, mit anderen Objekten in einen Zusammenhang gebracht und schließlich in schriftlichen Berichten (als Aussagen) verarbeitbar werden. "Sie verbinden uns über sukzessive Schritte mit der Welt, die ihrerseits ausgerichtet, transformiert und konstruiert ist."14 Aufgrund dieser (nicht nur in den sciences gebräuchlichen) Transformationsprozesse erscheint uns Welt als grundsätzlich zugänglich15: "Wenn wir auf eine artikulierte Weise sprechen, dann deshalb, weil die Welt, auch sie, aus Artikulationen, Gliederungen besteht, deren eigentümliche Verbindungsglieder wir für jeden Existenzmodus auszumachen beginnen."16 Die Existenzweisen können als Versuch Latours gelesen werden, gerade die Modi auszumachen, die an dieser Konstruktion (vornehmlich) beteiligt sind, und Latour identifiziert in dieser Schrift denn auch drei Existenzmodi, die zuallererst 'Quasi-Objekte' stiften. Die Rede ist von Technik, Fiktion und Recht, einer Gruppe von Existenzweisen, die "insgesamt sich um fabrizierte [TEC], gesendete [FIK] oder erkannte Dinge [REF] dreht"17.

2. Aussagen stiften Subjektpositionen. Eine Aussage ist weder von einem Autor abhängig, der sie formuliert, noch kann sie dessen Urheberschaft zugerechnet werden. Vielmehr bildet jede Aussage ihrerseits ganz spezifische Subjektpositionen, die mal besondere Anforderungen an diejenigen stellt, die sie äußern, mal nahezu jedes Individuum als äußerndes zulässt. Zudem können dieselben Individuen auch mehrere, durchaus verschiedenartige Aussagen formulieren. Insofern stiftet eine Aussage Subjektivität, weil sie die Bedingungen vorgibt, die zu erfüllen sind, um überhaupt in der Lage zu sein, sie zu äußern. In der ANT der Existenzweisen findet sich diese (subjektivierende) Existenzfunktion der Aussage wieder. Vor dem Auftreten der Existenzweisen Politik [POL], Religion [REL] und Recht [REC] sind Subjekte, so Latour, höchstens als Potenziale vorhanden, nicht jedoch als Mitglieder einer Gruppe [POL], als Einzelne, die Gnade erwarten können [REL] bzw. als für ihre Taten Verantwortliche [REC].18 Nun lassen sich die Existenzfunktionen der Aussage zwar durchaus analytisch trennen. Aber eine Formulierung (énonciation) erhält nur dann Aussagenstatus (wird zur énoncé), wenn sie alle vier Funktionen erfüllt. Ähnliches scheint Latour auch für die Existenzmodi anzunehmen. Denn die oben eingeführten objektivierenden Existenzmodi schaffen, "durch eine Art zentrifugale Bewegung, originelle Formen der Subjektivierung: Geschicklichkeiten, Schöpfungen, Objektivitäten"19. Umgekehrt haben auch die ursprünglich subjektivierenden Existenzmodi eine objektivierende Funktion: Sie lassen "die Objekte, die zur Gelegenheit werden, anlässlich deren 'man' sich versammelt, urteilt oder betet"20, in Erscheinung treten.

3. Aussagen stehen in einem assoziierten Aussagenfeld. Eine Aussage tritt demzufolge niemals allein auf, sondern schreibt sich in eine konkrete "Folge anderer Formulierungen"21 ein, wie etwa in eine politische Debatte, einen Gesetzestext oder ein Fachbuch. Aussagen müssen zudem zwar in ihrer Ereignishaftigkeit ernst genommen werden, aber sie stehen stets in kontextuellen (oder, wenn man so möchte, intertextuellen) Beziehungen zu anderen Aussagen, wiederholen sie, nehmen auf sie Bezug, stützen sich auf sie, widersprechen ihnen und transformieren sie. Zudem bilden sie den Ausgangspunkt für spätere Aussagen, bieten sich also ihrerseits der Iteration an. Zuletzt wird das Aussagenfeld "von der Menge der Formulierungen konstituiert, deren Status die infragestehende Aussage teilt"22 – also etwa als Literatur, Gesetz o.ä. Mit Blick auf diskursive Ordnungen schließt Foucault: "Dieses Bündel von Beziehungen konstituiert ein System begrifflicher Formation."23 Die (strukturalistisch anmutende) Figur der Relativität, die dieser Existenzfunktion der Aussage zugrunde liegt, findet sich in gewisser Weise auch in Latours Schriften zur Akteur-Netzwerk-Theorie wieder. Allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Sie bezieht Aktanten ein, menschliche und nicht-menschliche Akteure, die sich durch ihr Handeln miteinander assoziieren. Erst durch dieses Tätigsein können schließlich Begriffe kristallisieren:

Es gibt in der Tat einen begrifflichen Kern, doch er wird nicht durch Beschäftigungen definiert, die von den anderen am weitesten entfernt liegen; im Gegenteil, er bündelt sie alle, verstärkt ihren Zusammenhalt, beschleunigt ihre Zirkulation.24

4. Aussagen besitzen eine materielle Existenz. Das bedeutet nicht, dass ihre Substanzialität und der Zeitpunkt und Ort ihres Erscheinens ihre Identität sichert; dies kann der Fall sein, wenn eine Aussage beispielsweise in verschiedenen Ausgaben desselben Buches auftaucht, muss es aber nicht. Die Identität einer Aussage hängt nämlich ebenso sehr von der Perspektive ab, die bei ihrer Rezeption eingenommen wird, wie von ihrer Einbettung in ein strategisch geprägtes "Feld der Stabilisierung"25, was wiederum bestimmt, welcher Gebrauch von ihr gemacht wird und gemacht werden kann. Sie "gehört also mehr der Institution zu als der zeitlich-räumlichen Lokalisierung"26; ihre Verwendung hängt davon und von den anderen genannten, "ganz strengen Bedingungen"27 ab, die ihre Wiederholbarkeit gleichsam 'von außen' sichern. Insofern kommt den Aussagen "ein Statut als Sache oder als Objekt" zu: "Dieses Statut ist nie definitiv, sondern modifizierbar, relativ und kann immer in Frage gestellt werden"28. So betrachtet, handelt es sich bei Aussagen also ebenfalls um Quasi-Objekte (und gegebenenfalls auch Quasi-Subjekte) in Latours Sinne. Viel mehr als daran erinnert aber Foucaults Charakterisierung an die in der ANT eingeführten immutable mobiles. Mit Blick auf wissenschaftliche Referenzketten (also etwa den Weg von den Hefekulturen auf dem Objektträger hin zu einer wissenschaftlichen Abhandlung darüber) formuliert Latour: "Man muss Objekte erfinden, die mobil, aber auch unveränderlich, präsentierbar, lesbar und miteinander kombinierbar sind."29 Damit sind, zumindest zu diesem frühen Entwicklungsstand der ANT, vor allem Inskriptionen gemeint, also vornehmlich Texte, die die genannten Eigenschaften nicht nur aufgrund ihrer (papierenen) Materialität, sondern auch aufgrund ihrer sprachlichen Medialität aufweisen. Sie sind sozusagen der Kern wissenschaftlicher Assoziationen (in den Existenzweisen: [REF]), denn sie erlauben es, "nicht-menschliche Wesen für Worte zugänglich zu machen"30 und sie so aus den Laboren in die Büros, Konferenzen und in die Bücher zu transportieren.

Nun weisen sowohl Foucault als auch Latour darauf hin, dass der Transport, die Übersetzung oder Wiederholung von Aussagen bzw. immutable mobiles nicht ohne Kosten zu bewerkstelligen ist. Vielmehr ist klar, dass das Übermittelte im Zuge des Transkriptionsprozesses eine Transformation durchläuft. Anders formuliert, sind selbst die "unveränderlichen Mobile"31 einem iterativen Prozess unterworfen. Dennoch

wird [ein] Satz ohne jegliche nähere Bestimmung, ohne Autor, ohne Urteil, ohne Polemik oder Kontroverse, ja sogar ohne Hinweise auf die Experimentaltechnik, die ihn begründet, in einen noch gewisseren Zustand übergehen.32

Ähnliches konstatiert Foucault auch für Aussagen. Er fasst ihre relative Unveränderlichkeit und grundsätzlich nicht (allein) mit semantischen Kriterien erfassbare Natur mit dem von Canguilhem übernommenen Begriff des 'Monuments', der das Dingliche der Aussage betont. Es wird zudem eine Art Meta-Praxis eingeführt, die auf Basis getroffener Aussagen die mögliche Ereignis- und Dinghaftigkeit neuer Aussagen systematisch bedingt:

[I]n der Dichte der diskursiven Praktiken [hat man] Systeme, die die Aussagen als Ereignisse (die ihre Bedingungen und ihr Erscheinungsgebiet haben) und Dinge (die ihre Verwendungsmöglichkeit und ihr Verwendungsfeld umfassen) einführen. All diese Aussagensysteme (Ereignisse einerseits und Dinge andererseits) schlage ich vor, Archiv zu nennen.33

Man hat es dabei also mit einer Art Element zu tun, innerhalb dessen Aussagen prozessiert werden (und das eben nur bestimmte Prozesse oder Operationen zulässt). Es besitzt eine essenzielle Dynamik insofern, als sich diese Metapraxis mit jeder neuen Aussage verändert, weil diese durch ihre Iteration Transformationen durchläuft und so die Bedingungen (ob unmerklich oder fundamental, spielt bei der Menge an Diskursen kaum eine Rolle) ihrerseits transformiert. So ist auch das, was jeweils zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in einem bestimmten kulturellen Feld sagbar – im Sinne von wahrheitsfähig oder kulturell akzeptabel – ist, einer konstitutiven Veränderlichkeit unterworfen.

Insgesamt weisen also die Diskurstheorie Foucault'scher Provenienz und die ANT Latours eine Reihe von gemeinsamen Gedankenfiguren auf, die es grundsätzlich ermöglichen, die beiden Ansätze miteinander zu kombinieren. Doch wozu soll das nutzen?

Blickt man aus der oben entwickelten Perspektive auf Latours ANT der Existenzweisen, ergeben sich zunächst einige Schwachpunkte dieser Konzeption, die ein diskurstheoretisches Herangehen aufzulösen imstande sein sollte. Dazu braucht es allerdings einen genaueren Blick auf Latours Konzept. Dessen übergeordnetes Ziel lässt sich als die Auflösung von Dichotomien identifizieren: der Dualismen Natur/Kultur, Individuum/Gesellschaft und Subjekt/Objekt.34 Vor allem geht es ihm darum, die anthropozentrischen Erklärungsmodelle der modernen Geistes- und Kulturwissenschaften, die diese Trennungen zum Ausgangspunkt ihrer Beschreibungen nehmen, statt sie ihrerseits als (kulturelle) Konstrukte zu entlarven, zu hinterfragen – um sie schlussendlich zu überwinden.35

Nun kann eine solche Überwindung nur in Kooperation mit den Akteuren funktionieren, die ihre Forschungspraktiken, ihre Selbstbeschreibungen, ihre Weltsichten auf diesen Dualismen aufbauen und demzufolge natürlich auf ihnen beharren. Latours neues Projekt der Existenzweisen kann als eine Antwort auf diese (Vermittlungs-)Schwierigkeit der ANT gelesen werden. Er fügt nämlich den Untersuchungsmethoden der klassischen ANT, die die Assoziation von Akteuren nachverfolgt und so bspw. den epistemologischen Weg buchstäblich 'aus dem Reagenzglas in den Text' als überaus materielle Übersetzungspraktik begreiflich macht, an der neben Menschen eben auch nicht-menschliche Akteure beteiligt sind, etwas Neues hinzu: die von den Akteuren selbst36 ins Spiel gebrachten "Werte"37. Soziologen beschreiben diese Innovation als die Verknüpfung von horizontal angelegten Netzwerkanalysen mit einer vertikalen Differenzierungstheorie, die mit Autoren wie Durkheim, Weber, Luhmann u.a. verbunden und in der Soziologie schon lange state of the art ist.38 Es geht nicht mehr allein darum, von einem Akteur zum nächsten zu gehen und damit die Assoziationen innerhalb eines Netzwerks nachzuvollziehen, sondern auch darum, in einem Netzwerk

in einer gegebenen Situation den Wert genauer zu bestimmen, den diese[s] einlöst. Diese Trajektorien haben dieselbe allgemeine Form wie die von [NET]. Sie definieren sich weiterhin durch einen Sprung, eine Diskontinuität, einen Hiatus. Aber im Unterschied zu den Netzwerken schaffen sie Verkettungen, die nicht nur zu heterogenen Listen unvorhergesehener Akteure führen, sondern auch zu einem jedesmal besonderen Typ von Kontinuität.39

Diese je besonderen 'Typen von Kontinuität' meinen, vor dem Hintergrund von Foucaults Diskurstheorie formuliert, (ontologisierte) 'Diskursivitäten', denn in ihnen allen existieren verschiedene "Formen des Wahrsprechens"40, also je eigene Bedingungen, gültige Aussagen zu produzieren. Nun ist dieses je spezifische 'Wahrsprechen' nicht nur auf Aussagepraktiken beschränkt. Vielmehr unterliegen auch die (anderen) Handlungen der beteiligten Aktanten (also im Falle des Rechts, eines der ausgemachten Existenzmodi, etwa der Juristen, Ankläger, Angeklagten, Gerichtsschreiber etc. auf der Seite der menschlichen, Anklageschriften, Beweise, Indizien, Gesetze etc. aufseiten der nicht-menschlichen Aktanten) diesem für einen Existenzmodus je eigenen Normierungssystem. In ihm ist enthalten, was es ausmacht, jeweils 'juristisch', 'wissenschaftlich', 'technisch', 'religiös' usf. zu handeln und dem damit ausgedrückten 'Wert' gerecht zu werden. Es handelt sich dabei um ein regelrechtes System von Existenzbedingungen, denn das Wahrsprechen unterliegt bestimmten "Bedingungen des Gelingens und Misslingens"41, die die Überwindung der Diskontinuitäten, die zwischen den einzelnen Knoten des Netzwerks herrschen (also etwa zwischen einem Tatverdacht und der dazugehörigen Anklageschrift), sicherstellen. Ähnliches gilt für die Verbindung von Aussagen zu Diskursen. Auch in ihrem Fall geht es um

das Problem […] der Konstituierung von Serien: für jede ihre Elemente zu definieren, ihre Grenzen zu fixieren, den Typ von Beziehungen freizulegen, der für sie spezifisch ist, ihr Gesetz zu formulieren und danach die Beziehungen zwischen verschiedenen Serien zu beschreiben, um so Serien von Serien oder 'Tableaus' zu konstituieren.42

Um diese 'Kontinuität aus Diskontinuität' zu gewährleisten, so Latour, verfügen Existenzmodi über je unterschiedliche "Pässe"43, Hilfsmittel, die es erlauben, von einer Alterität zur nächsten zu 'springen', die Akteure also miteinander zu verknüpfen und so eine Trajektorie, eine je besondere Form der Vermittlung von Diskontinuitäten, zu ermöglichen. Im Falle des Rechts wäre ein solcher Pass das juristische Mittel:

Es gibt nichts Kontinuierliches, das eine arglistige Täuschung und einen Text verbinden könnte, und dennoch werden die juristischen Mittel diesen Typ von Kontinuität herstellen, der einem kleinen unscheinbaren Fall die ganze Kraft eines Prinzips verleiht.44

Mithilfe von Pässen werden also verschiedene Teile des Netzwerks (oder gar das ganze) mit einem ganz bestimmten Zweck mobilisiert.

An dieser Stelle bleibt Latour hinter den Möglichkeiten des diskurstheoretischen Denkens zurück: Denn wenn von 'Werten' die Rede ist, deren Beachtung die Erfüllung von 'Gelingens- und Misslingensbedingungen', von 'Weisen des Wahrsprechens' unterliegt, stellt sich die Frage der Detektion dieser Werte. Eine aussagen- oder diskursanalytische Herangehensweise könnte ihre Emergenz aus historischen Diskurskonstellationen zu klären helfen und so die Latour vorzuwerfende Ahistorizität der ANT auflösen. Außerdem würde sie die fundamentale, durch Iteration bedingte Dynamik dieser Werte zu modellieren helfen. In den Existenzweisen findet sich jedenfalls kein Hinweis darauf, dass sich die ausgemachten Existenzmodi in einem stetigen Wandel befinden oder dass sie auf diskursive Vorgänger verweisen. Vielmehr scheinen sie sich 'plötzlich' in der wie auch immer entstandenen Moderne zu manifestieren und nur insofern wandlungsfähig zu sein, als sie ihre kategorialen Fehler vermeiden und der von Latour vorgeschlagenen ökologischen Wende folgen könnten – allerdings um den Preis, ihre Seinsweise letztlich aufzugeben, also zu verschwinden.

Und dennoch wird eine Verknüpfung der ANT (der Existenzweisen) mit der Foucault'schen Diskurstheorie des Problems letztlich nicht Herr werden können. Denn spätestens an dem Punkt, an dem Latour die 'Pässe' einfügt, überschreitet er Foucaults Diskurstheorie, denn Foucault hatte solche Spezifika von Diskursen theoretisch zwar zu-, aber eben auch offengelassen. Was gerade dem Versuch in der Archäologie des Wissens, die Diskurstheorie als Methode zu beschreiben, immer wieder vorgeworfen wird, ist, hinter die früheren Analysen Foucaults zurückzufallen. In der Archäologie hatte er nämlich die extradiskursiven Faktoren derart konsequent ausgeblendet, dass die Existenzmöglichkeiten, die etwa aus institutionellen Konfigurationen resultieren, aus streng diskurstheoretischer Perspektive unsichtbar bleiben (müssen). Insofern werden sowohl die ursprüngliche als auch die neuere ANT erst dann wirklich kompatibel mit Foucaults Ansatz, wenn man mit ihm den Übergang (oder Rekurs) des diskurstheoretischen zum machtanalytischen Denken nachvollzieht.

3. Foucaults Problem

Den Übergang von der Diskurs- zur Machtanalytik kennzeichnet offensichtlich nicht nur der (Wieder-)Einbezug von Machtfragen, sondern damit einhergehend auch die Beschäftigung mit Außerdiskursivem. Am offenkundigsten tritt dies in der Engführung des Dispositivbegriffs zutage. Ein Gros der Beschäftigung damit beruft sich auf ein kurzes, erstmals 1977 publiziertes Interview Foucaults, das von der Rezeption bis zur Unkenntlichkeit zitiert wurde. Zusammenfassend charakterisiert Foucault darin das Dispositiv als "eine entschieden heterogene Gesamtheit", innerhalb derer als ihre Elemente "Gesagtes ebenso wie Ungesagtes" konfiguriert werden. Entscheidend ist dabei nicht die reine Aufzählung dieser heterogenen Elemente, sondern vielmehr "das Netz, das man zwischen diesen Elementen herstellen kann", oder, noch genauer, die "Natur der Verbindung", die Hinweise darauf zu geben erlaubt, aus welchem Grund dieses Netz gebildet wird. Foucault spricht von "einer dringenden Anforderung" und schließt: "Das Dispositiv hat also eine dominante strategische Funktion."45

Mit der Verknüpfung sinnlich und sinnhaft vielgestaltiger und vermeintlich unvereinbarer, sichtbarer und sagbarer Elemente ist offensichtlich nicht ihre bloße Sammlung gemeint, sondern vielmehr, was das 'Netz', deren Knoten sie darstellen, eigentlich verbindet. Es geht darum, welcher Art oder, wie Foucault im oben zitierten Interview sagte, welcher 'Natur' diese Verbindung ist.46 Den je spezifischen Verknüpfungstypus ausfindig zu machen, ist schließlich der analytische Mehrwert des Dispositivkonzepts, geben diese Typen doch Auskunft darüber, was das Wissen, die Institutionen und die (Subjektivierungs-)Praktiken einer Kultur unter Maßgabe einer strategischen Funktion miteinander verbindet; sie stellen sozusagen den kulturellen "Klebstoff"47 dar.

Leider lässt sich bei Foucault selbst kein Hinweis finden, wie genau diese Typen nun zu finden (oder auch nur zu suchen) sind, ob man es dabei mit eher regionalen oder doch globalen, mit historisch durativen oder kurzlebigen, mit stärker materiellen oder vorwiegend immateriellen Phänomenen zu tun hat und auf welcher analytischen Ebene Kriterien für ihre Kategorisierung zu finden sein sollten. Auch die Verwendung des Begriffs48 durch Foucault selbst lässt keine Rückschlüsse auf ein oder mehrere klare Kriterien49 für die Diagnose von Dispositiven zu. Sie alle haben zwar gemeinsam, dass sie konkrete, raumzeitlich mehr oder weniger klar zu lokalisierende Ensembles bezeichnen. Allerdings bleibt unklar, wie es zu ihrer Selektion kam, oder, eindeutiger formuliert: Es fehlt ein einheitliches Kriterium zur Identifikation von Dispositiven. Das stellt aber gerade für eine methodische, und das heißt letztlich anwendungsorientierte Perspektive ein zentrales Momentum dar: Nicht zuletzt führt der Mangel an objektivierbaren Identifikationskriterien für Dispositive dazu, dass der Dispositiv-Begriff ausgehöhlt und seiner epistemologischen (und auch heuristischen) Kraft beraubt wird, weil nahezu jede Konfiguration von Elementen mehr oder weniger legitim als Dispositiv bezeichnet werden kann. Aber nicht jedes (Akteur-)Netzwerk ist ein Dispositiv. Foucault war das Problem durchaus bewusst. So nimmt es nicht wunder, dass er im weiteren Verlauf des oben genannten Interviews genau diese Schwierigkeit eingesteht:

Was das Dispositiv betrifft, stehe ich vor einem Problem, für das ich noch keine richtige Lösung gefunden habe. Ich habe gesagt, dass das Dispositiv von einer wesentlich strategischen Beschaffenheit wäre, was unterstellt, dass es sich dabei um eine bestimmte Manipulation von Kräfteverhältnissen handelt, um einen rationalen und abgestimmten Eingriff in diese Kräfteverhältnisse, um sie in irgendeine Richtung zu entwickeln, um sie zu blockieren oder um sie zu stabilisieren, sie zu verwenden. Das Dispositiv ist also immer in ein Machtspiel eingeschrieben, doch immer auch an eine oder an mehrere Wissensgrenzen gebunden, die daraus hervorgehen, es aber genauso auch bedingen.50

Einerseits verweist Foucault hier auf die Vernetzung aller Macht-Wissen-Konfigurationen, denn wenn er auch konkrete Dispositive benannt hat, bleiben sie doch gewissermaßen randunscharf. Andererseits findet sich hier, wenn auch 'nur' die Frage danach gestellt wird, welcher der dispositiven Dimensionen – Diskurs oder Macht – der Vorrang bei der Abgrenzung von Dispositiven zugestanden werden muss, genau das oben angeführte, grundsätzliche Problem: Wann sind Machtspiele konkret und/oder einheitlich genug, um ein Dispositiv zu konstituieren? Welche Wissensgrenzen sind so stark konturiert, dass sie Dispositive gleichsam 'einhegen'?51

Die Akteur-Netzwerk-Theorie sieht sich mit einem ganz ähnlichen Problem konfrontiert: Wie lassen sich die von ihr untersuchten Netze und "die extreme Heterogenität der Assoziationen"52, die sich in ihnen findet, selektieren und kategorisieren? Die Parole der ANT-Anwender, "den Akteuren folgen[!]"53, führt zwar zu interessanten Ergebnissen über die Arbeitsweisen von Biochemikern wie Pasteur54, Geologen und Pedologen im brasilianischen Urwald55 oder die Rolle von (technischen Objekten wie) Bodenschwellen56 und Schlüsselanhängern57. Bleibt man jedoch dabei, "das Soziale flach [zu] halten"58, wird damit die Suche nach den Momenten, die das Kulturelle (oder das "Kollektiv"59) zusammenhalten, nicht gerade erleichtert. Doch handelt es sich bei einem Akteur-Netzwerk nicht eigentlich ohnehin um etwas völlig anderes als bei einem Dispositiv?

Simon Ganahl konstatiert in diesem Zusammenhang, dass die ANT die von Foucault aufgeführten Elemente des Dispositivs durchaus in den Blick nimmt:

Es gibt erstens die Wissensformen als versammelnde Aussagen und Vorrichtungen der Einschreibung; zweitens die Machtbeziehungen als Handlungen, die auf andere Handlungen einwirken; und drittens die Prozesse der Subjektivierung als Existenzweisen, denen sein aktuelles Projekt gewidmet ist.60

Einen wichtigen Unterschied markiert er in der Folge bei der Möglichkeit der Kategorisierung von Akteur-Netzwerken: Denn wo "Foucaults dispositif […] gleichsam eine verdichtete Wirklichkeit [beschreibt]"61, buchstabieren Akteur-Netzwerk-Analysen ihre Gegenstände bei Latour potenziell bis ins Unendliche aus. Wenn man nur lange genug den Akteuren folgt, soll erst ein kleineres, dann ein Gesamtkollektiv, dann die ganze Welt beschrieben werden können. Sie gleichsam kategorial zu ordnen, ist nicht vorgesehen. Wenn dies aber in der Analyse von Dispositiven nicht gelingt – dann kann von einem Dispositiv eigentlich keine Rede sein. Dies berührt genau Foucaults Problem: Die (analytische) Verdichtung der ausgemachten Entitäten erfolgt eben über Kriterien, die gleichermaßen Macht wie Wissen umfassen müssen, ohne dem einen das Primat vor dem anderen zuzubilligen. Zwar wird in der zu Beginn des Kapitels paraphrasierten Textstelle das Strategische priorisiert – allerdings hat Foucault bekanntlich in vielen detaillierten Analysen gezeigt, dass Wissen ohne Macht ebenso undenkbar ist wie Macht ohne Wissen.62

Wenn also dieser Einschätzung Ganahls zu folgen ist, bleiben die ersten Engführungen in der oben zitierten Textstelle doch überprüfenswert: Denn nicht die Institutionen der Inskription sind für Foucault mit Blick auf diskursives Wissen relevant – so marginalisiert er etwa durchgehend die mediale Verfasstheit von Aussagen, wo Latour an einigen Stellen gerade die 'Flachheit' des Papiers als Prototyp eines Einschreibungsmediums hervorhebt. Zwar steht diskurstheoretisch stets die Frage nach den Existenzbedingungen von Aussagen zur Disposition – unter anderem diese zu beleuchten kann eine Dispositivanalyse leisten –, allerdings nicht in dem Sinne, (allein) ihre Genese aus materiellen Praktiken ans Licht zu bringen, wie dies gerade die Laborstudien Latours tun, sondern vielmehr, die reziproke Genese von Wissen und Macht (Diskursen und Institutionen) aufzuzeigen.

Weiterhin lässt sich das "faire faire"63, also die Kraft, andere Aktanten (Quasi-Subjekte) zum Handeln zu bringen, noch weniger mit Foucaults Machttechniken in eins setzen. Schließlich spielen in der ANT "Ziele und Intentionen von Aktanten, seien diese menschlich oder nicht, eine durchaus wichtige Rolle"64. Gerade diese intentionale Dimension, die für den Begriff des Handelns konstitutiv ist, blendet Foucault im Dispositivkonzept – jedenfalls auf der Ebene der einzelnen Subjekte – jedoch aus. Das heißt nicht, dass es ohne Performanzen auskäme. Im Gegenteil sind Dispositive wie Diskurse in ihrem Fortbestand gerade von ihrer Iteration abhängig, die ohne die tätige Mitarbeit der in ihnen versammelten (wenn man so möchte:) Aktanten nicht denkbar wäre. Nur sind es nicht deren autarke oder gar autochthone Intentionen und Ziele, die für die Entstehung, den Bestand und das Verschwinden von Dispositiven verantwortlich gemacht werden könnten, denn sie sind als Äußernde, als Machtausübende gewissermaßen in diese Ensembles gestellt und verfügen nur über die Handlungsspielräume, die ihnen darin (strukturell) eröffnet werden.65

Dennoch eröffnet das faire faire Latours eine interessante Perspektive auf Foucaults Dispositivmodell, das allzu schnell als subjektloser 'Machtapparat' rezipiert wurde und dazu sicher auch Gelegenheit gibt. Denn was Foucault in seinen minuziösen Analysen des panoptischen Dispositivs in Kaserne, Hospital und Fabrik folgendermaßen beobachtet: "die Macht bindet den Körper und das manipulierte Objekt fest aneinander und bildet den Komplex Körper/Waffe, Körper/Instrument, Körper/Maschine", lässt sich in der ANT mit dem Begriff der Hybridisierung beschreiben, mithilfe dessen nicht mehr einem menschlichen oder einem nicht-menschlichen Akteur allein, sondern eben dem aus dieser Verschaltung emergierenden, hybriden Aktanten agency zukommt. So hat man es dann aber auch nicht bloß mit einer "Zwangsbindung an den Produktionsapparat"66 zu tun, sondern auch mit einer Konstellation, die ihrerseits gemeinsame Verantwortung für ihr Handeln zu tragen hat – und der sich neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Darauf hatte Foucault selbst in seinen Analysen durchaus hingewiesen: Die Disziplinarmacht ist nicht bloß eine einseitig unterwerfende Macht. Im Gegenteil ermächtigt sie die Subjekte, die sie stiftet, eben auch. Die Terminologie der ANT erlaubt, genau diese Widerstand ermöglichenden Effekte von Dispositiven genauer zu beschreiben und als hybride Praktiken begreifbar zu machen. Andererseits ermöglicht eine Akteur-Netzwerk-Analyse im Element des Dispositivs, den Anteil strategischer Praktiken, d.h. von Macht, in ihnen aufzudecken. Eine Kombination beider Ansätze verhilft also dazu, die ihnen jeweils vorgeworfenen Lücken zu schließen.

Der Impetus der Untersuchungen von Foucault und Latour scheint mir en gros ähnlich gelagert zu sein: Es geht um Weisen des Wissens und der Handlungsbefähigung, die nicht ausgehend vom Subjekt gedacht werden, um Netzwerke heterogener Elemente, die größere Teile von Kulturen prägen und die ihre Mitglieder als solche allererst konstituieren, um "eine Wirksamkeit, die von dislokalen, kontroversen Momenten ausgeht"67. Insofern stellt sich nun die Frage, ob Latours Existenzweisen, die wie bereits erwähnt als genau der Versuch gelesen werden können, ein einheitliches Verfahren zu entwickeln, das die beschriebenen Schwierigkeiten der ANT löst, sich auch auf Foucaults Problem anwenden lassen.

Um es vorwegzunehmen: Wohl eher nicht. Denn wenn auch der Eindruck naheliegt, dass ANT und Dispositivmodell an ähnlichen Problemen kranken, so zeigt ein genauerer Blick auf die von ihnen generierten Gegenstände, dass sie sich an einem Punkt grundlegend voneinander unterscheiden. Während Foucault mit seinen konkreten Dispositivanalysen vor allem in Überwachen und Strafen und Der Wille zum Wissen Ensembles ausgemacht hat, die sich durch in ihnen vorherrschende Strategien (der Disziplinarmacht einerseits, der Biomacht andererseits) von anderen abgrenzen lassen und zudem sowohl zeitlich als auch räumlich spezifisch sind – wenngleich damit die Frage nach der Operationalisierbarkeit von Strategien weiterhin offen bleibt –, sind Latours Existenzweisen der Beobachtung von 'Werten' der Modernen geschuldet. Sie bewegen sich damit auf einem ganz anderen Niveau, stehen gewissermaßen transversal zu Dispositiven. Denn im panoptischen Dispositiv werden neben rechtlichen Diskursen ([REC]) zum Strafen und zur Besserung auch wirtschaftliche (die Latour in die Existenzmodi Organisation [ORG], Bindung [BIN] und Moral [MOR] aufschlüsselt) zur Einhegung der von der Industrialisierung benötigten Arbeitskräfte oder wissenschaftliche Diskurse ([REF]), die die Wirksamkeit der Strafen in Datenform verarbeiten, wirksam. Zudem fällt es schwer, die für den Panoptismus einschlägigen Machttechniken Überwachung, Sanktion und Prüfung in Existenzmodi zu übersetzen. Hat man es bei der Beobachtung eines Insassen mit einer Praxis zu tun, die letzterem ein 'Skript', also eine Art Handlungsanweisung, einpflanzt, und damit mit einer Handlung, die dem Existenzmodus der Organisation [ORG] zuzuschlagen ist? Oder handelt es sich dabei um einen exekutiven, letztlich juristischen Akt [REC]? Selbiges gilt für das Sexualitätsdispositiv: Auch hier findet sich eine Melange aus wissenschaftlichen Diskursen zur Geschlechtlichkeit und deren Sexualitätsformen ([REF]), normativen und normierenden Gesetzen, die daraus entstehen ([REC]), einer Flut von Fiktionalisierungen ([FIK]) usf., die sich als unterschiedlichste Existenzweisen verstehen lassen. Und auch die Machttechnik des Geständnisses lässt sich schwerlich entweder als fiktionaler ([FIK]) oder als referenzieller ([REF]) oder transformierender (d.h. im Rahmen des Existenzmodus der Metamorphose [MET] statthabender) Akt fassen.

In Dispositiven kommt es also vermutlich zu den für die ANT der Existenzweisen so zentralen Kreuzungen von Modi, die das Herzstück nicht bloß der Untersuchung, sondern viel basaler auch der Entdeckung von Existenzweisen überhaupt darstellen. In ihnen finden sich nämlich die 'Kategorienfehler', die Latour zum Ausgangspunkt seiner Existenzordnung(en) nimmt: "[S]chließlich haben wir begriffen, dass man die Modi paarweise vergleichen konnte, bei Gelegenheit ihrer Kreuzung, die meistens durch die Prüfung der Kategorienfehler sichtbar wurde, welche die eine oder die andere Gelingensbedingung betrafen."68 Wenn Latour in den Existenzweisen Kategorienfehler in den Blick nimmt, scheint die Auswahl der Kreuzungen von Modi allerdings vor allem von seinem zentralen Anliegen, der Aufdeckung dualistischer Fehlschlüsse der Modernen, motiviert zu sein. Zudem ist sie geprägt durch die Herkunft der ANT aus den Science and Technology Studies, die sich naturgemäß mit den jetzt so bezeichneten Existenzmodi Referenz und Technik befass(t)en. So nimmt es nicht wunder, dass vor allem Kreuzungen mit 'dem bösen Geist Doppelklick [DK]' vorkommen:

Indem dieser Böse [sic] Geist vorgibt, allen Formen des Wahrsprechens ein einziges und unzugängliches Modell zu geben – die Fortbewegung ohne Transformation, die Vernunft ohne Netzwerk –, versucht er, alle anderen Unterscheidungen des Wahren vom Falschen im Kontrast als willkürlich und irrational hinzustellen.69

Umso merkwürdiger, dass Latour die (vermeintlichen) Werte der Modernen hinterrücks wiedereinführt und damit gewissermaßen auch rehabilitiert: "Ich werde so tun, als hätten die Modernen im Verlauf ihrer Geschichte mehrere Werte entdeckt, an denen ihnen wirklich liegt"70. Auf die damit verbundene Gefahr hatte Foucault mit Blick auf den Diskurs bereits in der Archäologie des Wissens hingewiesen:

Man muss auch angesichts jener Unterteilungen und Gruppierungen unruhig werden, die uns vertraut geworden sind. Kann man ohne weiteres die Unterscheidung der Diskurstypen oder jene der Formen oder der Gattungen zugeben, die Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Religion, Geschichte, Fiktion usw. in Opposition zueinander stellen und daraus Arten großer historischer Individualitäten machen? […] [S]chließlich sind die 'Literatur' und die 'Politik' junge Kategorien […]. Auf jeden Fall sind diese Unterteilungen […] stets selbst reflexive Kategorien, normative Regeln, institutionalisierte Typen: dies sind ihrerseits Diskursfakten, die neben den anderen analysiert zu werden verdienen; sie hatten ganz sicher mit ihnen komplexe Beziehungen, sind aber keine immanenten, autochthonen und allgemein erkennbaren Merkmale davon.71

Insofern greift Latour auf eine starke, aus diskurstheoretischer Perspektive höchst zweifelhafte Prämisse zurück, die sich sodann in der Analyse von Kreuzungen – die nur in den Blick geraten können, wenn die Bereiche der Modernen als gegeben gesetzt werden – selbst bestätigt. Aufgrund dieser Zirkularität wirkt die Liste der Modi in den Existenzweisen so seltsam unabgeschlossen und willkürlich, lässt beispielsweise Hinweise auf (Massen-)Medien vermissen, die doch unbestritten einen wichtigen Wert der Modernen darstellen, den "sie recht und schlecht in wackeligen Institutionen untergebracht haben, die aus dem Stegreif konzipiert worden sind, um den Anforderungen der Modernisierungsfront zu entsprechen"72.

4. Fazit: Existenzweisen von Dispositiven oder Dispositive der Existenz?

Dispositive als Ausgangspunkt zu nehmen, um auf die Existenz verschiedener Existenzmodi rückzuschließen, könnte als Ausweg aus diesem Dilemma dienen. Nun ist allerdings das Problem von deren (praktischen) Identifikationskriterien, also die Frage, wie sich Strategien operationalisierbar machen lassen, offengeblieben. Hilfreich könnte die Übertragung der Denkfigur der Aussagefunktionen auf die institutionellen (und ggf. auch weitere) Anteile des Dispositivs – das Ungesagte – sein. Geht man nämlich davon aus, dass sich Diskurs- und Dispositivanalyse strukturell ähneln, lassen sich neben Aussagemonumenten auch Machtmonumente73 festmachen.

Ein kurzer Blick auf Foucaults (bzw. Benthams) Panoptikon kann das verdeutlichen: Was daraus in Kasernen, Hospitälern, Kinderheimen, Fabriken usf. 'zitiert' (bzw. iteriert) wird, ist unter anderem die eigentümliche Architektur des Gefängnisses. Es ist nämlich befähigt, sowohl 1)74 Gegenstände zu konstituieren, die in einem bestimmten Raum angeordnet und miteinander verbunden sind (also etwa Arbeits- oder Tagesabläufe, aber auch analysierbare Krankheiten, Gehorsam usf.), als auch 2) Subjektpositionen zu schaffen, wie die des Gefangenen, des Wärters, des Kranken und des Arztes, des Arbeiters und des Aufsehers oder des Soldaten und seines Offiziers. Zudem sind es ganz spezifische Merkmale der Architektur, wie etwa ihre konzentrische Form, die iteriert werden, und die sich 3) mit den rekurrenten Begriffen in Aussagen vergleichen lassen. Schließlich müssen auch sie 4) eine materielle Existenz aufweisen in dem Sinne, dass ihre Existenz als panoptische Architekturen von der Weise ihrer Nutzung (durch Machttechniken) abhängt, die ihnen ein "Statut als Sache oder als Objekt"75 zuweist.

Nimmt man also an, dass es neben Wissensmonumenten auch Machtmonumente gibt, dann wird sich zeigen lassen, dass ihre Existenzfunktionen ko-okkurrieren, d.h. dass sie jeweils ähnliche Gegenstände, Subjektpositionen und rekurrente Elemente ausbilden und dass sich auch ihre Nutzungspraktiken ähneln. Wenn dem so ist, dann lassen sich Dispositive genau durch diese sich manifestierenden Verknüpfungen von Wissen und Macht identifizieren. Darauf, dass die ANT das passende Werkzeug, gerade diesen Verwicklungen zu folgen, und das passende Vokabular, das Ungesagte in seinen Verschaltungen und Hybridisierungen zu beschreiben, zur Verfügung stellt, wurde bereits oben hingewiesen. Es verspricht also auch einen Gewinn, sozusagen die 'Auflösung' der Dispositivanalyse mit den Methoden der ANT zu erhöhen und sich mit der Devise, das Kollektiv flach zu halten, nicht vorschnell auf die genannten Kookkurrenzen zu versteifen. Andererseits können solcherart feine Dispositivanalysen dann zum Ausgangspunkt für die Analyse von Existenzweisen werden. Denn in ihnen wird sich zeigen lassen, dass es innerhalb dieser Kookkurrenzen (wiederum an den Existenzfunktionen feststellbare) Häufungen von unterschiedlichen Weisen, Wahres zu sprechen oder Macht auszuüben, gibt.

Ob es sich dabei um die von Latour identifizierten Existenzweisen handelt, sollte jedoch ergebnisoffen bleiben. Denn Foucault spricht im berühmten Dispositivzitat davon, es gebe "zwischen diesen diskursiven oder nicht diskursiven Elementen […] gleichsam ein Spiel, gibt es Positionswechsel und Veränderungen in den Funktionen, die ebenfalls sehr unterschiedlich sein können"76. Damit ist gemeint, dass Diskurse, die eben noch das Einsperren von Delinquenten begründeten, unter anderen dringenden Anforderungen – die eben sozusagen von außen an das betreffende Dispositiv herangetragen werden – als Grund für deren Freilassung fungieren können. Aber es ist auch damit gemeint, dass beispielsweise wissenschaftliche Aussagen von rechtlichen Diskursen aufgenommen werden. Dass man es dabei unbedingt mit einer Kreuzung oder gar einem Kategorienfehler zu tun hat, könnte ein vorschneller Schluss sein. Es deutet eher darauf hin, dass von den Aussage- und Machtmonumenten zwischen den Existenzweisen hin und her gesprungen werden kann, dass es ontologische Festlegungen, wie dies die Rede von der Existenz impliziert, also nicht geben kann. Auch wenn Latour betont, dass es ihm keineswegs um "Sein-als-sein", sondern stets um "Sein-als-anderes"77 gehe, er mit den Existenzweisen also einen "prozessontologischen"78 Vorschlag vorlegt, dienen sie mit ihren strengen Gelingens- und Misslingensbedingungen und ihren je spezifischen Trajektorien doch jeweils als Einschließungssysteme (des Rechtlichen, des Wissenschaftlichen, des Fiktionalen, des Moralischen, des Reproduktiven usf.). Das macht sie im Umkehrschluss auch zu Ausschließungssystemen, die nur bestimmte Weisen des Wahrsprechens zulassen. Insofern kann die Dispositivanalyse auch zeigen, dass Latours ursprüngliche Intuition, die Hybridisierungen als den Normalfall zu betrachten, deutlich evidenter ist als sein differenztheoretischer Vorstoß (in der vorliegenden Form). Setzt man Dispositivanalysen daher an augenscheinlichen oder gar an undurchsichtig gewordenen Hybriden an, den black boxes, können sie von der höheren Detailschärfe der Akteur-Netzwerk-Analysen profitieren. Allerdings empfiehlt es sich, auf deren bewährte Formen zurückzugreifen und sie mithilfe diskurstheoretischer Werkzeuge zu historisieren. Die ANT der Existenzweisen ist aufgrund ihrer inhärenten Zirkularität für eine Erweiterung der Dispositivanalyse nicht recht geeignet.