Didier Eribon nannte Surveiller et punir (1975; dt. Überwachen und Strafen, 1976) "eines der schönsten, vielleicht sogar das schönste Buch Foucaults".1 Die drastischen Passagen über die Hinrichtung des Königsmörders Damiens und die Grausamkeit der Strafen im 18. Jahrhundert, mit denen das Buch einsetzt, waren mit diesem ästhetischen Statement von Foucaults Biografen wohl eher nicht gemeint. Die Folter und die Bestrafung sind zusammen mit der Disziplin und der Macht zwar die großen Themen dieses fesselnden Buchs über die Geburt des Gefängnisses, aber zur Faszinationsgeschichte des Werks trugen sie nur zu einem Teil bei. Es scheint – zumindest auf einer ästhetischen Ebene – dann doch eher die Vielseitigkeit und gleichzeitige Geschlossenheit von Foucaults Buch zu sein, die Eribon zu seiner Aussage verleitete. Denn kaum ein anderes Buch aus der Feder des Philosophen hält auf eine derart souveräne Art die Balance zwischen historischer Studie (Geschichte der modernen Disziplinargesellschaften), theoretischer Reflexion (Theorie der Macht) und Gegenwartsbezogenheit (politische Agitation gegen das französische Gefängnissystem). Und kaum eine andere Schrift von Foucault hat für diese drei Bereiche so viel "Foucault kompakt" zu bieten wie Überwachen und Strafen. Wer das Buch liest, trifft auf schillernde Sätze und Thesen, die im weiten Feld der Foucault-Rezeption zu geflügelten Ausdrücken geworden sind: "der Panoptismus", "die produktive Seite der Macht", "die Mikrophysik der Macht", "die Technologie der Macht", "die politische Ökonomie des Körpers", "die Seele: Gefängnis des Körpers" und nicht zuletzt auch Foucaults vielzitierte Absicht, mit seinem Buch "die Geschichte der Gegenwart" zu schreiben.

Zum vierzigjährigen Jubiläum der Veröffentlichung von Surveiller et punir (1975) liegt nun ein von den Philosophen Marc Rölli und Roberto Nigro herausgegebener Sammelband vor, der sich nochmals eingehend mit der im besagten Buch entwickelten Machtanalyse von Foucault auseinandersetzt.2 Die meisten der im Band versammelten Aufsätze gehen auf eine im Juni 2015 in Wien stattgefundene Jubiläumstagung zurück, sodass man augenzwinkernd konstatieren kann, dass hier die Rhythmen der akademischen Erinnerungskultur ordnungsgemäß eingehalten wurden. Aber der Band von Rölli und Nigro ist mehr als die bloße Würdigung eines bereits ausreichend kanonisierten Denkers, der mit Überwachen und Strafen die gängigen Begriffe des Machtdenkens und damit auch der politischen Theorie durcheinandergewirbelt hat. Es ist vielmehr die Frage nach Foucaults Aktualität, also die Frage nach der Bedeutsamkeit seiner Machtanalyse für unsere unmittelbare Gegenwart, die im Mittelpunkt des Interesses steht. Mit Foucault werfen die Herausgeber "ein weiteres Mal die Frage auf, wie die aktuellen Machtverhältnisse beschaffen sind, die 'uns' […] in ihrem Bann halten. Welche Aktualität besitzen die Analysen der Disziplinierung noch heute, mit denen Foucault vor 40 Jahren Aufsehen erregte und eine breite Wirksamkeit entfalten konnte? Wie lässt sich das Verhältnis von Bio- und Disziplinarmacht in der Gegenwart bestimmen? Welche neuen Machtformen sind entstanden – und mit welchen begrifflichen Mitteln können sie erschlossen werden?" (S. 12)

Nach der Aktualität von bestimmten in der Vergangenheit erfolgten und im Falle von Foucaults Machtdenken doch relativ früh und breit rezipierten Thesen, Konzepten und Analysen zu fragen, ist leichter gesagt als getan. Was heißt eigentlich "Aktualität"? Was "aktualisiert" man eigentlich genau? Und welchen Effekt hat ebenjene "Aktualisierung"? Dadurch, dass Foucault ja bereits einen gewissen Klassikerstatus in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften besitzt, kommen weitere bohrende Fragen hinzu: Sind nicht alle Klassiker per definitionem immer schon aktuell? Oder sind sie im Gegenteil nicht sogar in genau dem Moment überholt, in dem sie zum Klassiker ernannt werden, weil sie spätestens dann nicht mehr wirklich gelesen werden, sondern nur noch in Zitierkartellen unterwegs sind?

Bevor die insgesamt zehn Beiträge des Sammelbands die Frage nach der Aktualität von Foucaults Machtanalyse jeweils für sich in Angriff nehmen, finden sich in der Einleitung der zwei Herausgeber die für einen solchen Anspruch notwendigen, vorbereitenden Schritte. Zuallererst präsentieren sie in kurzen, aber kraftvollen Zügen Überwachen und Strafen als wichtigen "Dreh- und Angelpunkt der intellektuellen Biographie Foucaults" (S. 8). Mit der Kritik des Souveränitätsbegriffs und dem Thema der Disziplinen, mit den Fragen nach der politischen Anatomie des Körpers und den Subjektivierungsweisen eröffne Foucaults Buch nämlich Perspektiven, die auch für seine anderen und späteren Arbeiten enorme Bedeutung besäßen. Besondere Erwähnung finden in dieser historischen Kontextualisierung Foucaults Vorlesungen am Collège de France zwischen 1971 und 1976, wie beispielsweise Die Strafgesellschaft aus dem Jahre 1973, die um ähnliche Themengebiete wie Überwachen und Strafen kreisen.3 Die Vorlesungen sind damit eine geeignete Quelle, um Foucaults Ausarbeitung der Machtanalyse schrittweise nachzuvollziehen.

Gleichzeitig werden durch die Publikation der Vorlesungen ganz neue Wege für die zeitgenössische Forschung eröffnet. Rölli und Nigro reißen einen dieser Wege nur kurz an, und zwar entlang der von Foucault in Die Strafgesellschaft entwickelten Analyse der politischen Technologien, durch die die Menschen an den Produktionsapparat gebunden werden konnten. Indem Foucault hier zeige, dass die menschliche Beweglichkeit seit den Anfängen des Kapitalismus unter die Kontrolle der Regierungspraktiken gekommen sei, dass Lebensformen und Existenzmodi gezügelt und das Asylrecht bzw. die Rechtstellung auf der Flucht untergraben würden, seien diese Analysen heute im Kontext der Migrationsforschung und Migrationsbewegungen wichtig, weil sie migrationspolitische Entscheidungsprozesse zu erklären helfen. Welche migrationspolitischen Entscheidungsprozesse und welche Lebensformen das genau sind, erfährt man in dem kurzen Abschnitt leider nicht. Das ist etwas schade, da ein ausführlicherer Bezug auf das hochaktuelle Migrationsthema ein willkommenes und auch überzeugendes Anschauungsbeispiel für Foucaults Aktualität hätte darstellen können.

Ein wesentlicher Teil der Einleitung ist stattdessen der weitläufigen und nicht minder wichtigen Rezeptionsgeschichte von Überwachen und Strafen gewidmet, denn zwischen 1975 und 2015 ist einges an Foucault-Forschung passiert, die man nicht unberücksichtigt lassen sollte, wenn man zwischen Foucaults Buch über das Gefängnis und der unmittelbaren Gegenwart Anschlüsse sucht. "Um die verstrichenen 40 Jahre nicht unbemerkt vorbeiziehen zu lassen", rekapitulieren Rölli und Nigro drei bedeutende Einwände gegen Foucaults machtanalytische Theorie, die sie als "praxistheoretisch" bezeichnen (S. 9): Es handelt sich einmal um Michel de Certeaus Versuch, alltägliche Praktiken als subversives Gegengewicht zu den Mechanismen der Disziplinierung einzubeziehen, zum anderen um Gilles Deleuze' Vorschlag, das Spektrum der Machtypenlehre von "Disziplin" in Richtung "Kontrolle" zu erweitern und schließlich um Bruno Latours Kritik an Foucaults Verwendung des Machtbegriffs.

Auf die erhellende Rekapitulation der drei selbst schon klassisch wirkenden Einwände folgt sodann eine knappe Skizze des gegenwärtigen Rezeptionsfeldes, wo sich in den letzten Jahren eine Vielzahl unterschiedlicher Strategien im Umgang mit Foucaults Machtdenken etablieren konnten. Diese reichen von einer Neugewichtung der Souveränitäts- und der Biomacht über die Anknüpfung an den Begriff der "Gouvernementalität" bis zu spezifischen Neuausrichtungen der kritischen Gesellschafts- und Kapitalismustheorien. Gerade im Bereich der soziologischen Gegenwartsdiagnose tun sich neue Perspektiven und Diskussionen auf, die dennoch die Machtfrage im Blick behalten. So treten beispielsweise der "Disziplinargesellschaft" bzw. der "Normalisierungsgesellschaft" mit neuartigen Machtformen operierende Gesellschaftstypen zur Seite, die je nach Perspektive als "Risikogesellschaft" oder "Netzwerkgesellschaft" bezeichnet oder auch mit den Dispositiven der "Beschleunigung", der "Sicherheit" und der "Kreativität" erfasst werden. Vor allem die drei letztgenannten Stichwörter signalisieren hier beim Lesen, dass man nun in der Gegenwart angekommen ist, zumindest in der akademischen: Denn mit diesen Etiketten sind, wie man weiß, zentrale Topoi der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen gemeint, die in den letzten Jahren die akademischen Diskussionen und Forschungsperspektiven mitbestimmt haben.

Die einzelnen Beiträge des Sammelbands schließen größtenteils an diese gegenwärtigen Forschungen und Diskussionen an. Ein Blick auf Autoren- und Inhaltsverzeichnis verrät, dass hier durchaus Kennerinnen und Kenner des Foucault'schen Werks vertreten sind, die die Frage der Aktualität von Foucaults Machtanalyse meistens entlang eines Themas behandeln, über das sie bereits in der vergangenen Zeit gearbeitet haben. So erläutert Joseph Vogl im kritischen Anschluss an Foucaults Studien zur Gouvernementalität das Finanzwesen als zwar vernachlässigten, aber bedeutenden Aspekt der neuzeitlichen Ökonomisierung des Regierens.4 Andreas Gelhard widmet sich dem Thema der Prüfungstechniken in Foucaults Werk und darüber hinaus.5 Maria Muhle analysiert in ihrem Beitrag über das Infame zwischen Disziplin und Biopolitik Figuren des "Minderen" in Foucaults Denken.6 Martin Saar rekonstruiert Foucaults in Überwachen und Strafen vorgelegtes Machtdenken, indem er die neuartig produktive Machtform der Disziplin in ihrer besonderen Eigenart der Immanenz ausfindig macht.7 Roberto Nigro widmet sich den Wahrheitsregimen, während sich Marc Rölli mit der Relevanz des anthropologischen Diskurses für die Strategien der Disziplinierung und für das Dispositiv der Sexualität beschäftigt. Die AutorInnen bringen also Ihre Expertisen ins Spiel, wenn es um die Aktualität von Foucaults Machtanalyse geht.

An dieser Stelle ist es nicht möglich, jeden einzelnen Beitrag im Detail zu würdigen und zu besprechen. Daher möchte ich mich auf zwei Aufsätze konzentrieren, die sich auf anschauliche und nachdrückliche Weise dem eingangs aufgestellten Aktualitätsanspruch stellen. Bei dem ersten Beispiel handelt es sich um den Text des Soziologen Andreas Reckwitz mit dem Titel "Die Transformation der Sichtbarkeitsordnungen: Vom disziplinären Blick zu den kompetitiven Singularitäten" Für Reckwitz liefert Foucaults Studie Überwachen und Strafen im Kern die Analyse einer Sichtbarkeitsordnung, wodurch sie sowohl aktuell als auch überholt sei. Aktuell sei das Buch dadurch, dass sich Foucaults Analytik einer spezifischen Ordnung des Sichtbaren, wie er sie für die Disziplinargesellschaft durchgeführt habe, als Inspirationsquelle für die Rekonstruktion von Sichtbarkeitsordnungen der spätmodernen Gegenwartgesellschaft nutzbar machen lasse. Gleichzeitig sei Foucaults Buch überholt und bedürfe einer Aktualisierung, denn die Gegenwartgesellschaft folge nicht mehr, zumindest nicht im Kern den Mechanismen des disziplinären Blicks. Für Reckwitz stellt sich damit die Frage des Strukturwandels vom disziplinären Regime zu einem womöglich post-disziplinären Blick im 21. Jahrhundert: "Wie haben sich die gesellschaftlichen Sichtbarkeitsordnungen seit dem Ende des 20. Jahrhunderts verändert? Welche Transformation des Sozialen ist damit einhergegangen?" (S. 197) Reckwitz' These lautet, dass im 20. Jahrhundert eine tiefgreifende Transformation der Strukturprinzipien, der kulturellen Legitimationsformen und der affektiven Erregungsstrukturen stattgefunden hat. In der Gegenwartsgesellschaft ergibt sich eine komplexe Gemengelage von Sichtbarkeitsordnungen, die weit über das disziplinäre Blickregime hinausgeht, das Foucault für das 18. Jahrhundert im Auge hatte. Die historisch folgenreiche Überlagerung des klassischen Komplexes der Rationalisierung und Disziplinierung durch jenen der Kulturalisierung und Singularisierung hat Reckwitz zufolge zur Entstehung einer Sichtbarkeitsordnung kompetitiver Singularitäten geführt, die immer wieder durch eine Politisierung der Sichtbarkeit herausgefordert wird. Aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird nicht entgehen, dass Reckwitz in seinem Beitrag zu Foucaults Aktualität vieles von dem ein- und verarbeitet, was er in seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten ausführlich entfaltet hat.8

Einen etwas anderen Blickwinkel auf das Thema der Sichtbarkeitsordnungen bei Foucault und in der Gegenwart wählt hingegen die Darmstädter Philosophin Petra Gehring in ihrem lesenswerten Beitrag mit dem Titel "Das invertierte Auge: Panopticon und Panoptismus". Gehring wendet sich zunächst gegen einige gängige Rezeptionsklischees des sogenannten 'Panoptismus', die sich vor allem innerhalb der Surveillance Studies gegenwärtig verselbstständigen. Das von Foucault analysierte Panopticon, der auf Übersicht angelegte Überwachungsbau, werde in der Überwachungsforschung allzu oft als Sinnbild des Digitalzeitalters gelesen. In allen verhaltenskritischen und konsumrelevanten Alltagssphären Daten zu sammeln, erscheint als so etwas wie eine panoptische Praxis, die den öffentlichen Raum im Ganzen durchdringt. Techniken und Phänomene wie Videoüberwachung, automatisierte Gesichtserkennung, Bewegungserkennung, Nutzerspuren im Netz und digitaler Zahlungsverkehr lassen alle an eine Bentham'sche Transparenzmaschinerie denken. Letztere scheint für die Surveillance Studies einer Frühform individualisierender Totalerfassung zu gleichen oder liefert mindestens einen Vergleichsfall, der die Besonderheiten heutiger durch Digitaltechnologie verschärften Überwachung beispielhaft aufzeigt. Das hat laut Gehring unter anderem auch zur Folge, dass sich am Leitmotiv der kreisrunden Anstalt mit ihren von überall einsehbaren Zellen "ein Furor der Bild- und Sichtbarkeitsforschung" (S. 36f.) entzündet habe.

Diesen wirkmächtigen Deutungen durch die Surveillance Studies wirft Gehring nun vor, dass sie Foucaults Analyse frühmoderner Anstalts-Reformbauten an einer zentralen Stelle verfehlt gelesen und so letztlich das Panopticon kurzschlüssig verstanden hätten. Das Panoptismuskapitel werde "visualistisch oder sichtbarmachungslastig" gewendet, so dass sich die Vorstellung einer durch die panoptische Nötigung bewirkten Internalisierung eines Bewacherblicks etabliere, der dann gleichsam von innen her, machtvoll und subjektkonstitutiv, wirksam würde. Laut Gehring wird dadurch eine historisch, aber auch systematisch entscheidende Pointe von Foucaults Analyse verfehlt: "Beim Panopticon handelt es sich zwar um eine perfide Technik der Blicklenkung. Es handelt sich eigentlich aber eben auch um ein Arrangement, das der Entwertung des Blicks Vorschub leistet, weil es vielmehr eine Art Verkehrung, ein Leerwerden, eine Invertierung des Auges bewirkt" (S. 23) Dies geschieht nicht in fokussierender Manier (etwa individualisierend, sozialisierend) und auch nicht allsichtig, als omnipotenter Streublick nach überall, sondern im Wirkmodus der Nicht-Sichtigkeit, der Suspendierung und im Erlöschen des Blicks. Gehring spricht von einer "Invertierung" des Auges – sowie der Blickfunktion überhaupt – als der eigentlichen Pointe des panoptischen Szenarios: das Auge des Überwachers wird eher in ein funktionales Minimum hinein verkehrt als in den Überwachten einzuwandern. "Augenfixierte" Panoptismus-Thesen wären laut Gehring umzukrempeln. Und auch die über das 19. Jahrhundert hinweg sich entfaltende Moderne könne mit Foucault "zwar gewiss alles andere, aber keineswegs eine Epoche des Auges sein" (ebd.).

Gehring bleibt bei ihrer Kritik an den visualistischen Deutungen des Panopticons und ihrer These von der Invertierung aber nicht bei der Foucault-Exegese stehen, sondern wendet diese wieder auf die Gegenwart zurück. Wenn die auf neue, digitale Techniken fokussierte Überwachungskritik in der vermeintlich Foucault-konformen Annahme, dass Überwachung "sichtbar machen" wolle, zu dem besagten Furor der Bild- und Sichtbarkeitsforschung führt, dann plädiert Gehring dafür, anstelle einer visualistischen Deutung vielmehr den Invertierungsvorgang besser zu verstehen:

Mit dem Panopticon werden nicht visuelle Zugriffe optimiert, sondern jene so enorm aufwendige lokale Augenarbeit, welche die Macht des leibhaftigen Blicks begründet, wird rationalisiert – und zwar dergestalt, dass nun effektiver und effizienter eine bloße Funktionsstelle die Möglichkeit des Gesehenwerdens garantiert. Auf brisante Weise 'modern' wäre das Panopticon von daher genau dort, wo es Körper mit Mitteln zu domestizieren lehrt, die nicht einer Ökonomie des verinnerlichten Sehens, sondern einer Ökonomie der Verzichtbarkeit des Auges gehorchen. Der virtualisierte Blick leistet letztlich einer Augenlosigkeit des Politischen Vorschub. Moderne Macht zeichnet aus, dass man dort, wo man die Macht vermuten muss, tatsächlich niemals etwas sieht. (S. 39)

Wenn es also laut Gehring überhaupt sinnvoll ist, Benthams Panopticon zur Analyse moderner Machtverhältnisse heranzuziehen, dann keineswegs dort, wo Subjektivierungsformen zum Thema gemacht werden (deren moderne Domäne liegt bei den Prüfungstechniken oder in der im Willen zum Wissen geschilderten Sexualisierung des Begehrens). Aktualität kommt stattdessen dem Entwurf einer Ökonomie der Macht zu, die sich durch unsichtbare, diskursiv konstruierte, technisierte und in Datenflüssen dezentralisierte Latenzphänomene auszeichnet.

In den Texten von Gehring und Reckwitz ist eine transparente und nachvollziehbare Auseinandersetzung mit der im Mittelpunkt des Sammelbands stehenden Frage nach der Aktualität von Foucaults Machtanalyse erkennbar. Für manch andere Beiträge gilt diese Beobachtung nicht im gleichen Maße, so dass hier kritisch anzumerken ist, dass der eigens erhobene Aktualitätsanspruch nicht durchgehend erfüllt wird. Zu viele Beiträge üben sich eher in klassischer Foucault-Exegese, bei der der Hauptfokus auf der Rekonstruktion von Foucault'schen Gedanken und deren anschließender Deutung liegt. Perspektiven auf gegenwärtige Phänomene oder Fragen kommen so zu kurz oder werden sogar ganz unterlassen. Das wäre unter anderen Umständen nicht weiter problematisch, etwa wenn man von Beginn an die Aktualitätsansprüche etwas heruntergeschraubt hätte. Das fällt aber umso mehr ins Gewicht, je mehr man beim Lesen auf diese Gegenwartsbezüge wartet. Der Effekt einer solchen Schieflage ist nicht ungefährlich, denn dadurch wird man mit der ketzerischen Frage konfrontiert, ob Foucault denn wirklich so aktuell sei oder nicht eher eine Ikone geworden ist, die gut und gerne als Stichwortgeber funktionieren mag, aber für die Durchdringung heutiger Phänomene nicht mehr anschlussfähig zu sein scheint. Man hätte sich also von den Beiträgen an der einen oder anderen Stelle durchaus mehr Mut zur Gegenwartsbeobachtung gewünscht (um diese ketzerische Frage überhaupt erst gar nicht aufkommen zu lassen). Immerhin: Dass es heutzutage prinzipiell durchaus noch möglich und auch produktiv ist, zeitgenössische Machtverhältnisse mithilfe des Foucault'schen Werkzeugkastens zu entziffern, zeigt der Band allemal auf.