1. Einleitung

Dieter Mersch konstatiert in seiner Junius-Einführung Medientheorien:

Alle maßgeblichen Medientheorien der letzten Dekaden berufen sich darauf, argumentieren auf der Basis eines 'transzendentalistischen' Medienbegriffs, setzen mehr oder weniger ein Medienapriori voraus oder erheben sogar den Anspruch einer Fundamentalontologie.1

Medien eine konstitutive Rolle bei der Entstehung und Dynamik von Kommunikation, Sozialität, Erkenntnis, Wissen und/oder Kultur zuzuschreiben, gehört also zum guten Ton vieler, wenn nicht gar der meisten medientheoretischen und -wissenschaftlichen Ansätze.2 Dies suggeriert, dass es sich um einen 'gesicherten Wissensbestand' der Medientheorie handele, über den weitgehende Einigkeit herrsche und dessen Begründungen sich nicht grundlegend voneinander unterschieden. Bei näherem Hinsehen lässt sich allerdings konstatieren: Dem ist nicht so. Vielmehr gibt es teils fundamentale Differenzen zwischen den Verfechtern medialer Vorgängigkeit; und doch ist den meisten gemein, dass sie "in Anlehnung an Foucaults historisches Apriori"3 operieren. Wenn auch Foucault selbst diesen Begriff Ende der 1960er Jahre einführte und recht bald wieder aufgab, weist er insofern in der Rezeption ein gewisses Beharrungsvermögen auf. Es mag also lohnen, seine Beziehung zu einem wie auch immer gearteten medialen Apriori in den Blick zu nehmen.

Ihren Vorläufer finden viele der Ansätze, die ein 'mediales Apriori' konstatieren, in Friedrich Kittlers Medientheorie. Aus ihr stammt nämlich der Vorschlag, Foucaults 'historisches' durch ein '(medien-)technisches' Apriori zu ersetzen, also die von Foucault in Anschlag gebrachten Wissensvoraussetzungen den technischen Bedingungen, die zu ihrem Erscheinen führen, zu subsumieren. Diese Form der Inkorporation oder gar Substitution des Wissens durch Medien führt allerdings zu teils nicht unerheblichen begrifflichen Verwirrungen, die die Bestimmung des Verhältnisses von Medien und Wissen (und Macht) grundsätzlich erschweren – eine Auseinandersetzung mit Kittlers Konzeption wird diese Verkürzungen aufzeigen. Um zu einem Medienverständnis zu gelangen, das technizistische Reduktion vermeidet, empfiehlt es sich im Anschluss, zu prüfen, wie Medientheoretiker in Abgrenzung zu Kittler mediale Vorgängigkeit konzipieren. Dabei zeigt sich, dass durchaus von einem – gemäßigten – "Medienapriorismus"4 ausgegangen werden muss. Müssen daher mediales und historisches Apriori weiterhin gegeneinander ausgespielt werden? Die leitende Intuition des vorliegenden Textes ist, dass sie sich eher als komplementäre, miteinander verstrickte, aber durchaus analytisch unterscheidbare Phänomene erweisen, deren Beziehungen zueinander sich nur klären lassen, wenn man versucht, medientheoretische Topoi in diskurs- bzw. dispositivtheoretische Terminologie zu übersetzen.

2. Mediales Apriori als Technikapriori?

Kittlers Ausgangspunkt liegt in Foucaults Diskurstheorie, mithilfe derer er in seiner Habilitationsschrift Aufschreibesysteme 1800/19005 versucht, die Produktionsbedingungen von Literatur in den Blick zu nehmen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass "Techniken wie der Buchdruck und an ihn gekoppelte Institutionen wie Literatur und Universität eine historisch sehr mächtige Institution [bildeten], die im Europa der Goethezeit zur Möglichkeitsbedingung von Literaturwissenschaft selber wurde"6. Die solcherart aufgefundenen "Diskursivitäten"7 bzw. "Machtdispositiv[e]"8 – die hier vor dem Hintergrund einer informierten Foucault-Lektüre festzustellende begriffliche Unschärfe wird im vorliegenden Text noch einmal zur Sprache kommen –, diese Gebilde also beschreibt Kittler als die titelgebenden 'Aufschreibesysteme'. Sie, so sein Argument, seien vor allem dafür verantwortlich, dass und wie Literatur verfasst und mit ihr umgegangen werden konnte.

Man kann Kittlers Vorgehen wohl als eine vollgültige Archäologie lesen, denn er untersucht "Diskurse als spezifizierte Praktiken im Element des Archivs"9 und stützt sich dabei insbesondere auf diskursiv – und das heißt im strengen Foucault'schen Sinne: (schrift-)sprachlich – vorliegendes Wissen. So scheint es zunächst verwunderlich, dass Kittler Foucault dann im Nachwort seines Textes Medienvergessenheit vorwirft, obwohl er doch selbst etwa Bilder als Quellen nahezu ausspart: Foucaults Analysen endeten immer schon vor den technologischen Entdeckungen, "deren Datenverarbeitung das alphabetische Speicher- und Übertragungsmonopol, diese Machtbasis Alteuropas, sprengte"10. Nun zielt seine Kritik aber auf eine andere Pointe: Foucault sei sich nämlich – ganz unabhängig von anderen Medien – nicht einmal (der Materialität) der Schriftlichkeit bewusst gewesen. Dies ist ein aus medientheoretischer Sicht durchaus nachvollziehbarer Vorwurf: Dass Materialität und Operativität von Schrift nicht bloß die mit ihr verbundenen Nutzungspraktiken, sondern auch die Art und Weise der Darstellung diskursiver Entitäten, namentlich von Aussagen, bedingen, ist spätestens nach den Analysen von Christian Stetter11 und Sybille Krämer et al.12 zu einem Topos der Medientheorie geronnen. Kittlers Postulat, Diskursanalysen hätten daher "auch nach Standards der zweiten industriellen Revolution materialistisch zu sein"13, ist dennoch nicht vorbehaltlos zuzustimmen. Foucault hatte zwar selbst – in Wendung gegen transzendentalphilosophische, hermeneutische und andere Strömungen – darauf bestanden, Diskurse als "Positivität[en]"14 in den Blick zu nehmen, das heißt die "Persistenz"15 der sie formierenden Aussagen in Anschlag zu bringen. Allerdings sind damit vielmehr die Existenzfunktionen von Aussagen, also ihre konstitutiven Leistungen hinsichtlich der durch sie geschaffenen und dann auch tatsächlich auftretenden Begriffe, Gegenstände und Subjektpositionen, gemeint als die materiell-mediale Verfasstheit, die Aussagen aufweisen.16 Insofern diese Begriffe, Gegenstände und Kontexte des Sprechens existieren müssen, um zum Gegenstand einer Diskursanalyse zu werden, haben Foucaults Analysen durchaus den Anspruch, materialistisch zu sein. Zudem orientieren sie sich an positiv, das heißt materiell auftretenden Aussagen, deren kulturelle Geltung hinsichtlich der Bildung von Wissensordnungen in Frage steht. Und diese Geltung behalten sie – das hat Foucault in der Archäologie des Wissens betont – auch über Mediengrenzen hinweg:

[M]an kann annehmen, dass nur ein und dieselbe Aussage vorliegt, wo dennoch die Wörter, die Syntax, die Sprache selbst nicht identisch sind. Etwa bei einem Diskurs und seiner gleichzeitigen Übersetzung; etwa bei einem wissenschaftlichen Text auf englisch [sic] und seiner französischen Übersetzung; etwa bei einer Ankündigung in drei Spalten in drei verschiedenen Sprachen: es handelt sich nicht um so viele Aussagen wie verwendete Sprachen, sondern um eine einzige Menge von Aussagen in verschiedenen sprachlichen Formen. Besser noch: eine gegebene Information kann mit anderen Wörtern, mit vereinfachter Syntax oder in einem vereinbarten Kode übertragen werden; wenn der informative Inhalt und die Verwendungsmöglichkeiten dieselben sind, wird man in beiden Fällen von derselben Aussage sprechen können.17

Nun ist diese Auffassung durchaus kritikwürdig – in ihr spiegelt sich Foucaults "blinde[r] Fleck"18, wenn es um die Frage medialer Möglichkeitsbedingungen geht. Daher kann es ihm gewissermaßen gar nicht um den Beitrag gehen, den Medialität zur Bildung eines "Willen[s] zum Wissen"19 leistet. Vielmehr interessiert ihn, wie eine Aussage als "wiederholbare[–] Materialität"20, und das muss in dieser speziellen Hinsicht heißen: gerade unabhängig von ihrer medialen Verfasstheit, verstanden werden kann. In Frage steht also die paradoxe Relation relativer Unveränderlichkeit und konstitutiver Dynamik von Wissensbeständen, also danach, wie Identität aus und in Iterationsprozessen denkbar und möglich bleibt. Dies ist nun gerade (k)eine mediale Frage. Mit Krämer ließe sich nämlich argumentieren, dass sich die Grenze zwischen Semiotizität und Medialität durch den Unterschied von Sinn und Sinnlichkeit manifestiert: Was vom Medium zur Erscheinung gebracht wird, spielt sich auf einem anderen Feld ab als die Weise des Erscheinens selbst.21 Daher kommt es, dass Medien vor allem Sinnlichkeitsüberschüsse zu produzieren in der Lage sind – und das heißt erst in einem zweiten, apperzeptiven Schritt: Sinnüberschüsse. So mag zwar gelten, dass "[d]ie technisch möglichen Handgreiflichkeiten gegenüber Diskursen bestimmen", wie Äußerungen zum Erscheinen gebracht werden, aber nicht, dass (ausschließlich) sie bestimmen, "was faktisch Diskurs wird"22. Nicht Medien, und schon gar nicht Medientechniken (allein) weisen schließlich Formulierungen kulturelle Geltung zu und erheben sie so zu Aussagen. Der Status von Aussagen – also ihre jeweilige Möglichkeit, sich zu Diskursen zu figurieren, im Archiv bewahrt und von dort aus wiederaufgegriffen, variiert und rekontextualisiert zu werden, mögliche Subjekte zu konstituieren usf. – ist vielmehr abhängig von einem ganzen Geflecht diskursiver und nicht-diskursiver Monumente und Praktiken.23 Insofern handelt es sich um einen Fehlschluss Kittlers, wenn er konstatiert, das historische Apriori Foucaults, das heißt die historisch bedingte und variable Möglichkeit, innerhalb einer Ordnung der Wahrheit Wahres zu sprechen, sei von "anthropologischen Aprioris"24 – Medien – abzulösen bzw. spätestens seit der Digitalisierung abgelöst worden. Es stellt sich vielmehr die Frage, in welcher Beziehung mediale Darstellung und diskursives Wissen zueinander stehen. Abgesehen davon werden in Kittlers Entwurf nicht die empirischen Gegebenheiten, also die oben angedeuteten 'Positivitäten', zur Grundlage eines (sich ständig im Wandel befindlichen) medialen Aprioris erklärt. Vielmehr rückt der ihm zugrundeliegende, transzendental-universalistisch anmutende "Wille[–] [des Menschen, Verf.] zur Optimierung des Technischen selbst"25, der vor den technischen Tatsachen anzusiedeln ist, das Apriori Kittlers in größere Nähe zu seinem phänomenologischen Vorläufer Husserl als zu Foucaults Konzeption.

3. Mediale Vorgängigkeit und die Frage nach dem Medienbegriff

Nun ist Kittler sicherlich nicht der einzige Vertreter eines starken Medienapriorismus. Auch etwa Lorenz Engell und Joseph Vogl weisen im Editorial der ersten Ausgabe ihrer Zeitschrift Archiv für Mediengeschichte auf die Priorität des Medialen hin:

Hier erscheint das Mediale als Zone der Vermittlung, als ebenso unbemerkbare wie unentbehrliche Ermöglichung aller Erkenntnis, Erfahrung und Sozialisierung, als Voraussetzung von Produktion, Reproduktion und Repräsentation. […] Es geht also um ein mediales Apriori, um ein wie immer paradoxes Apriori der Vermitteltheit, d.h. der Nicht-Unmittelbarkeit, Nicht-Ursprünglichkeit und Nicht-Gegebenheit des Realen.26

Auch wenn diese Formulierung selbst transzendentalen Ballast zu transportieren scheint, suchen die Autoren die Nähe zur Diskurstheorie, denn "[d]as mediale Apriori rückt damit, und das ist entscheidend, eng zusammen mit dem älteren historischen Apriori, das immer schon auf die Gewordenheit und Gemachtheit der empirischen und diskursiven Wirklichkeit verweist"27. Diese Auffassung von der Vorgängigkeit von Vermittlung ist sicherlich in der Medientheorie deutlich verbreiteter als Kittlers technizistisch-psychoanalytischer Entwurf, und auch sie stellt sich in die Foucault'sche Tradition. Ihr, das ist entscheidend, liegt ein 'weites' Medienverständnis zugrunde, das den Einsatz von Mediengeschichte nicht erst in der Entstehung von Schrift oder gar technischer Medien verortet. Medien werden vielmehr als Vermittlungsinstanzen begriffen, die zunächst einmal in der Lage sind, zu übertragen, das heißt wie auch immer geartete Distanzen zu überwinden. Diese fundamentale Fähigkeit oder Funktion lässt nun ein breites Spektrum an möglichen Medien(metaphorisierungen) zu. So lässt sich der Bogen von "Wahrsagerinnen, ihre[n] Glaskugeln und herumirrende[n] Seelen" über "Plakat, Zeitung, Buch, Post, Radio, TV, (Mobil-)Telefon, Computer, WWW" bis zu "Verkehrswege[n] und Verkehrsfahrzeuge[n] […] sowie Wahrnehmungsorgane[n] und deren Leistungen optimierende[n] Instrumente[n] wie Brille, Fernrohr, Mikrophon, Pinzette, Pinsel, Musikinstrumente", nicht zu vergessen "Geld, Macht, Liebe, Wahrheit, Recht, Kunst, Glaube u.a.m."28, spannen. Nicht ganz zufällig fehlt in dieser Aufzählung des Mediensoziologen Andreas Ziemann das Medium Sprache. Deren Status als Medium wird zumeist negiert; sie wird in medienwissenschaftlichen Einführungen höchstens den "[p]rimären Medien"29 zugeschlagen und als 'uneigentliches Medium' in Medienanalysen und -betrachtungen ignoriert, was u. a. darin begründet liegt, dass sie als angeborene Disposition des Menschen eben keinen Technikeinsatz verlangt. Das ist schon vor dem Hintergrund einer Übertragungsfunktion von Medien trivialerweise nicht recht einzusehen und es gibt eine Reihe anderer, elaborierterer Einwände gegen diese Marginalisierung.30 Wichtig in unserem Zusammenhang ist, dass mit der Anerkennung der Medialität von Sprache ein mediales Apriori nicht als medientechnisches Apriori zu konzeptualisieren ist.

Nun ist Übertragung zwar eine notwendige, aber sicherlich keine hinreichende Bedingung für Medialität. Zudem ist diese Funktion bekanntlich – gerade in der Tradition informationstheoretischer Zugänge à la Shannon/Weaver31 – dazu genutzt worden, die Rolle von Medien auf neutrale Kanäle zu reduzieren. Sie beinhaltet aber, darauf hat Krämer hingewiesen, nicht bloß den Transport irgendwie gearteter Botschaften, sondern verweist zudem auf die Fähigkeit von Medien, allererst Relationen herzustellen, das heißt "zwei heterogene Felder"32 zueinander in eine Beziehung zu setzen, die ohne mediale Vermittlung nicht möglich wäre. Evidenz gewinnt diese These schon im Alltag. Ohne die Vermittlung durch Körper, Sprache oder auch technische Medien ist es unmöglich, mit anderen in Kontakt zu treten. Noch schlichter formuliert: Was von der einen Person in die andere transferiert werden soll, muss eine Materialität aufweisen, weil es sonst sinnlich nicht erfassbar wäre. "Medien machen sichtbar, hörbar und lesbar, was nicht physikalisch existiert"33; sie "machen wahrnehmbar"34. Dass Medien zur Existenzbedingung von Sozialität, Kommunikation und Traditionsbildung erklärt werden, ergibt sich aus dieser fundamentalen Vermittlungsfähigkeit. Doch es gewinnt auch aus anderen Gründen Plausibilität. Schließlich "phänomenalisieren"35 unterschiedliche Medien auf durchaus differierende Weisen; sie operieren in verschiedenen räumlichen und zeitlichen Dimensionen, über verschiedene Sinneskanäle usf. Diese Eigenlogiken von Medien konstituieren mediale Produkte, die auf je idiosynkratische Weise Kategorisierung befördern, bestimmte mentale Operationen erlauben oder Wahrnehmungsmuster organisieren: So wären bspw. weder die Bildung etwa biologischer Kategoriensysteme noch die Fähigkeit zum Schlussfolgern ohne die Abstraktionsleistung und Linearität von Sprache vorstellbar; Darstellungspraktiken wie die Zentralperspektive prädeterminieren unser Empfinden einer 'naturgetreuen' Abbildung. Medien und mediale Praktiken formen also die Darstellung dessen, was wir für 'wahres Wissen' halten; sie leisten nicht bloß Sinnlichkeitsüberschüsse, weil sie eine "Spur"36 an dem hinterlassen, was sie mediatisieren, sondern stiften dieses Wissen in gewisser Hinsicht allererst und sind daher als die Voraussetzungen von Sinn zu begreifen: Medien muss auch im Hinblick auf Erkenntnisfähigkeit und Weltrelation eine konstitutive Rolle zugeschrieben werden; sie "entfalten eine Wirkkraft, welche die Modalitäten unseres Denkens, Wahrnehmens, Erfahrens, Erinnerns und Kommunizierens prägt"37.

Der Rede vom medialen Apriori scheint sich aus den hier skizzierten Gründen also schwerlich widersprechen zu lassen – Medien und ihre Nutzungsweisen beeinflussen, wie und dass Sinn prozessiert wird, sie stiften Relationen zwischen potenziell unvereinbaren 'Feldern', hinterlassen Spuren. Sie können nicht länger auf die Rolle neutraler Kanäle oder, bezogen auf die Diskurstheorie, von 'Diskursprozessierungsplattformen' reduziert werden. Krämer verweist allerdings darauf, dass mit der Rede von der "Konstitution" dann Gefahr bestehe, eine "medientheoretische Version des Transzendentalismus" zu (re-)installieren, wenn darin "nicht allein […] Geltungs-, sondern auch […] Genesefragen"38 inkludiert seien. Sollte daher die Rede vom '(medialen) Apriori' ganz aufgegeben werden?

4. Aussagen, Diskurse und das historische Apriori

Um diese Frage zu beantworten, muss die hier vertretene Lesart von Foucaults Begriff(ssystem), die bisher bloß en passant eingeführt wurde, genauer expliziert werden. Foucault hatte den Begriff des historischen Aprioris bekanntlich u. a. geprägt, um die Faktizität (wissenschaftlichen) Wissens als Irrtum zu entlarven und dessen Historizität, Dynamik, Kulturalität und Relativität zu betonen. Er begreift die Entstehung von Wissen als einen mehr oder weniger kontingenten Prozess sprachlicher Aushandlung, der insofern ohne (konkrete intentionale) Sprecher bzw. Autoren auskommt, als er von bereits getroffenen Aussagen bedingt wird, die sich zu Diskursen figurieren.

Aussagen (énoncés) sollten verstanden werden, so der hier vertretene Vorschlag, als Formulierungen (énonciations), die im Zuge von Kommentaren, Wiederholungen, De- und Rekontextualisierungen usf.39 aufgenommen und im Zuge dieser Wiederaufnahme transformiert, kurz: iteriert werden. Durch diese Prozeduren verändert sich ihr Status: Sie erhalten kulturelle Geltung und werden als aufbewahrenswerte "Dinge"40, als potenziell adressierbare, gegenständlich existente Wissensinhalte ins Archiv einer Kultur aufgenommen. Dabei kommt es zur früher angesprochenen paradoxen Konstellation von Identität und Variabilität: Ob nun Galileis (überlieferte, das heißt archivierte) Formulierung 'Die Erde ist rund' als Aussage in einer wissenschaftshistorischen Abhandlung oder als Globus auftaucht, verändert die Art ihrer Einbettung in Diskurse, das heißt sie wird anders referenzierbar – durch unterschiedliche Subjekte, in verschiedenen Situationen, möglicherweise mit anderen Begriffen – und konstituiert ggf. unterschiedliche Gegenstände – etwa eine szientologische Entdeckungsnarration einerseits und ein in Breiten- und Längengrade skalierbares Objekt andererseits. Die Aussage verändert also ihr "Statut als Sache oder als Objekt"41, sie realisiert ihre "Existenzfunktion[en]"42 anders, denn abseits jeder hermeneutischen Erschließung ihrer Tiefenstruktur zeitigen auftretende Aussagen manifeste Effekte und sind auch selbst als 'Dinge' anzusehen. Andererseits bleiben sie als dieselben Aussagen erkennbar – einen Hinweis darauf gibt nicht zuletzt die Tatsache, dass die Verfasserin in der Lage ist, dieses Beispiel zu geben. Foucault hat zur Verdeutlichung dieses Beharrungsvermögens den Begriff des "Monument[s]"43 von Georges Canguilhem übernommen – einerseits, um Aussagen nicht von vorneherein als lesbar verstanden zu wissen, andererseits, um zu illustrieren, dass sie teils über Jahrhunderte bewahrt werden können, ohne iteriert zu werden, um dann plötzlich wieder in Diskurse eingebettet zu werden. Nun ist allein die Existenz einer Aussage keine hinreichende Bedingung, um die Entstehung diskursiven Wissens anzustoßen. Vielmehr braucht es dazu Praktiken des Aussagens, die auch tatsächlich vollzogen werden, also etwa wissenschaftliche Vorträge, journalistische Beiträge, filmische Vorführungen, die Einbettung von Tabellen, Fotografien o. ä. Erst die Verbindung diskursiver Monumente – also Aussagen – durch und mit diskursive/n Praktiken schafft daher Diskurse; ihre Existenz ist, wenn man so möchte, von Performanz abhängig. Wie die Beispiele verdeutlichen, muss man auch von Aussagen, die nicht-(schrift-)sprachlich vorliegen, ausgehen, auch wenn Foucault diese Möglichkeit in seinen Texten stets negierte44: Die moderne Medizin wäre ohne neue Verfahren der Bildgebung nicht denkbar, und deren Produkte werden im Hinblick auf ihre wissenskonstitutive Kraft behandelt wie anders vermittelte medizinische Aussagen auch.

Wissen liegt in einer Kultur also in Form von Aussagemonumenten und -praktiken vor, die zu Diskursen figuriert werden. Mit jeder Iteration einer Aussage verändern sich die komplexen Beziehungsgefüge, in denen Diskurse zueinander stehen; mithin verändert sich so der Bestand des Archivs. Das historische Apriori, also das,

was in einer bestimmten Epoche in der Erfahrung ein mögliches Wissensfeld abtrennt, die Seinsweise der Gegenstände, die darin erscheinen, definiert, den alltäglichen Blick mit theoretischen Kräften ausstattet und die Bedingungen definiert, in denen man eine Rede über Dinge halten kann, die als wahr anerkannt wird,45

kann als die Menge flottierender und im Archiv potenziell adressierbarer Monumente und Praktiken verstanden werden. Sie bestimmt insofern das, was gewusst und was als Wissen formuliert werden kann, als sich darin der Wissensbestand einer Kultur befindet, auf den zugegriffen und der – in einer durch seine Ordnung prädeterminierten Weise – manipuliert werden kann. Wie wir gesehen haben, ist diese Basis des kulturellen Wissens durch ihre ständige Iteration in einem hohen Grade variabel und dynamisch, was das kontingente Hereinbrechen von "Diskontinuität"46 begünstigt. Und dennoch gelten Wissensbestände zu je spezifischen Zeitpunkten und an je spezifischen Orten in je spezifischen Gemeinschaften als gesichert, ist von 'Fakten' die Rede und werden diese im wissenschaftlichen wie im alltäglichen Leben handlungswirksam. Dies markiert den Anteil von Aussagen, der eine gewisse 'historische Gravität' besitzt, und er unterscheidet sich grundlegend von den medialen Logiken, die oben zur Sprache kamen, ja, ist davon mehr oder weniger unabhängig – jedenfalls als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung.

Wie sich gezeigt hat, lässt sich das historische Apriori also als ein Grund der Erzeugung von Aussagenmonumenten und -praktiken verstehen, die sich dann zu Diskursen figurieren und ein wissenschaftliches, gesellschaftliches, kurz: kulturelles Wissen fort- und neuschreiben. Dieser Grund ist streng empirisch angelegt und die Rede vom historischen Apriori versucht nicht, ein phänomenologisch-transzendentales Erbe zu reinstallieren – darauf verweist schon Foucaults Einsicht, dass wir für das uns zeitgenössische Apriori blind sind und sich die Ordnung der Diskurse der Vergangenheit dem Archäologen nur aus einem bestimmten zeitlichen Abstand erschließen können.47 Die im Archiv auffindbaren Monumente und Praktiken werden durch die Tatsache, dass Diskurse sich in einem Prozess ständiger Iteration befinden, ihrerseits ständig transformiert. Das historische Apriori ist also kein statisches, quasi-universalistisches Vermögen, sondern eine historisch wandelbare, kulturell spezifische, ihrerseits materielle Existenzbedingung für einen je spezifischen Willen zum Wissen, der seinerseits von der Existenz materiell auffindbarer Aussagen und ihrer Verknüpfungsmöglichkeiten abhängt. Nun, und das mag die recht ausführlich scheinende Darlegung der eigentlich als bekannt voraussetzbaren Diskurstheorie begründen, lässt sich diese Bestimmung auf das mediale Apriori übertragen: Auch im Falle von 'Medien' finden sich mediale Produkte, die Exemplare einer ganz bestimmten Weise der Darstellung, Übertragung, Phänomenalisierung usf. sind. Auch sie werden in einer Kultur bewahrt – man denke nur an die Unzahl an Museen, Bildbänden, denkmalgeschützten Architekturen, Symphonieaufzeichnungen usf. –, an einem dem Archiv analogen, prozessualen, verteilten 'Ort', den man als Depot bezeichnen könnte. Auch sie müssen aufgrund der kulturellen Geltung, die ihnen im Zuge von Iterationsprozessen verliehen wird, als Monumente, d. h. als je eigenständig wirkende, materielle Phänomene behandelt werden. Nun erfordert diese Zuschreibung von Geltung, dass mit ihnen im Rahmen spezieller Praktiken umgegangen wird; auch und gerade Medien sind von ihrer Nutzung abhängig. So, wie die je spezifische Verknüpfung von Aussagen zu Diskursen und Diskursen zu diskursiven Formationen in relativ statischen Konstellationen sedimentiert, die wir bspw. als wissenschaftliche Disziplinen ("Diskursivitäten"48) bezeichnen, lässt sich daher auch die Konstitution je spezifischer Einzelmedien denken. Wenn Marshall McLuhans gerade in Zeiten der Digitalisierung aktuelles Diktum, der Inhalt eines Mediums sei ein anderes Medium49, etwas trifft, lässt sich festhalten: Die Verbindung von Medienmonumenten durch und mit Medienpraktiken sedimentiert in relativ stabilen Einzelmedien wie Film, Chat, Rundfunk, Performance, Karte u.v.m. Daneben sind – analog zur diskursiven Dimension – durchaus auch 'minoritäre Praktiken'50 vorstellbar, die den Medienwandel durch die Verursachung von Diskontinuität beflügeln können. Während also das historische Apriori Foucaults das, was wir über uns, andere, Welt zu wissen vermeinen, fundiert, gründet auf dem medialen Apriori die Weise, wie wir mit uns, anderen, Welt in Beziehung treten können, also vermittelt sind.51 Insofern sollten historisches und mediales Apriori nicht als konkurrierende, sich gegenseitig substituierbare, sondern als gleichursprüngliche, sich komplementär verhaltende und ähnlichen Logiken unterworfene Existenzbedingungen gedacht werden. Krämers Befürchtung:

Wenn sich das Verständnis des Medialen bewegt auf der Skala zwischen 'Übertragung' (Sekundarität) und 'Erzeugung' (Primat), dann wird die Frage: 'Übermitteln oder erzeugen Medien etwas' zur Gretchenfrage der Medientheorie,52

ist dann die Spitze genommen: Medien erzeugen nicht in einem strengen Sinne, was sie übertragen, sie machen es vermittelbar. Und sie tun dies auf eine jeweils so spezifische Weise, dass damit ein variabler Grund der phänomenalisierenden Vermittlung entsteht (oder: konstituiert wird), der seinerseits auf materiell vorliegenden Medienphänomenen aufruht. Filme beispielsweise, das zeigt die Medienpraktik des Remakes, werden so in einer Art metaleptischen Bewegung durch ihre Iteration zu Voraussetzungen für ihre eigene Geltung.

5. Das Dispositiv als Konstitutionsort von Wissen und Macht

Das historische Apriori einem medialen Apriori zu subsumieren, ersteres durch letzteres zu substituieren, erscheint insofern als eine Art analytischer Selbstbeschneidung, die die Niveaus von diskursivem Wissen und medialen Sinn(lichkeits)überschüssen zu vermischen droht. Eine möglichst präzise theoretische Bestimmung der Wechselverhältnisse, in denen mediales und historisches Apriori stehen, wirkt dieser Gefahr entgegen. Diese Bestimmung, so die leitende These, lässt sich nur leisten, wenn man sich den 'Ort' vergegenwärtigt, an dem das historische Apriori allererst entstehen kann: das Dispositiv. Dies mag den Vertretern der Auffassung, dass Foucault den Begriff des historischen Aprioris zugunsten des breiteren (und mit weniger Ballast behafteten) Dispositivbegriffs aufgab, merkwürdig erscheinen. Allerdings leisten Dispositivbegriff und Aprioribegriff m. E. Unterschiedliches: Während jener den Blick freigibt auf die großen Strömungen, Linien und Brüche von Kulturen, erlaubt dieser in der hier vorgeschlagenen Differenzierung die analytische Trennung von Wissens-, Vermittlungs- und Machtbedingungen und vor allem: -subjektwirkungen innerhalb dieser Linien. Insofern handelt es sich dabei nicht um konkurrierende, sondern um integrative Konzepte. In der Folge wird daher eine Lesart des Dispositivbegriffs vorgeschlagen, die sich eng an Foucault orientiert, aber teils auch abweichende oder darüber hinausgehende Bewegungen vollzieht. Es geht also nicht um die möglichst detailgetreue Rekonstruktion verschiedener Stadien von dessen Verwendung in Foucaults Œuvre, sondern darum, eine mehr oder weniger einheitliche strukturelle Beschreibung zu liefern, aus der hervorgeht, inwiefern historisches und mediales Apriori einander wechselseitig beeinflussen.

Foucault hatte bekanntlich nach der Archäologie des Wissens den Versuch, diskursive Logiken exklusiv im Element des Diskursiven beschreiben zu wollen, zugunsten einer holistischeren Perspektive aufgegeben.53 Erneut trat nun die Frage der Macht in den Fokus seiner Untersuchungen, dessen enge Verbindung zum Wissen aufzudecken als eines der zentralen Anliegen Foucaults bezeichnet werden kann. In Überwachen und Strafen legt er eine Analyse des "Kerkernetz[es]"54 vor, an der sich diese Verknüpfung illustrieren lässt. Regelrecht berühmt geworden ist darin die Schilderung des Panoptikons. Der auf Jeremy Bentham zurückgehende Entwurf der so bezeichneten Gefängnisanlage sieht eine Rotunde vor, in deren Zentrum sich ein Wachturm befindet, von dem aus die konzentrisch angelegten Zellen eingesehen werden können.55 Die Insassen des Gefängnisses können von dort aus beobachtet werden, ohne dass sie sich sicher sein können, dass sie es auch tatsächlich werden. Im Kern hat man es hier mit einem "Kräfteverhältnis"56 zu tun, das zwischen Wärter und Delinquent herrscht. Die panoptische Konstellation bringt nämlich "Beziehungen zwischen Individuen (oder Gruppen) ins Spiel":

Der Ausdruck 'Macht' bezeichnet eine Beziehung unter 'Partnern' (und damit meine ich kein Spiel, sondern lediglich und für den Augenblick noch sehr allgemein ein Ensemble wechselseitig induzierter und aufeinander reagierender Handlungen).57

Dabei lassen sich spezifische "Machttechniken" detektieren: "Abschließung, Überwachung, Belohnung und Strafe, pyramidenförmige Hierarchie"58, Techniken also, die die Ausübung von Macht zum Gegenstand haben, und mithilfe derer die eingeschlossenen Individuen nicht bloß diszipliniert und zu nutzbringenden Subjekten zugerichtet werden, sondern mithilfe derer auch Daten über sie erhoben werden. Die Anordnung des Panoptikons dient eben nicht nur der Ausübung der Disziplinarmacht, sondern sie erlaubt zudem, Aussagen über die Inhaftierten zu treffen, die in den Diskurs um 'Überwachen und Strafen', auf dem die Machtform ihrerseits aufruht, eingehen. Hier zeigt sich die Verquickung von Wissen und Macht: Einerseits beruht die ganze Konstruktion des panoptischen Gefängnisses auf einem bestimmten Willen zum Wissen über das Verbrechen und die Zurichtung gesellschaftlich und ökonomisch eingliederbarer Gesellschaftsmitglieder. Andererseits wird dieser Wille zum Wissen durch die Erkenntnisse, die die Gefängnisse (und andere panoptisch organisierte Institutionen wie Kasernen, Schulen, Hospitale usf.) liefern, um- und fortgeschrieben. Wissen und Macht stehen daher in einem "transduktiven"59 Verhältnis zueinander; sie stellen wechselseitige Existenzmöglichkeiten füreinander dar.

Eher ist wohl anzunehmen, dass die Macht Wissen hervorbringt (und nicht bloß fördert, anwendet, ausnutzt); dass Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen; dass es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert. Diese Macht/Wissen-Beziehungen sind darum nicht von einem Erkenntnissubjekt aus zu analysieren, das gegenüber dem Machtsystem frei oder unfrei ist. Vielmehr ist in Betracht zu ziehen, dass das erkennende Subjekt, das zu erkennende Objekt und die Erkenntnisweisen jeweils Effekte jener fundamentalen Macht/Wissen-Komplexe und ihrer historischen Transformationen bilden.60

Dabei zeigen sie auch strukturelle Parallelen. Denn die Machtausübung im Panoptikon ist eben nur deswegen möglich, weil die Architektur manifest existiert: Schlicht formuliert, kann es zu einer panoptischen Zurichtung der Insassen nur dann kommen, wenn die Zellen auch wirklich konzentrisch um einen zentralen Turm herum angeordnet sind. Man hat es also im Falle dieser Gefängnisse wiederum mit Monumenten zu tun, die ihrerseits zitiert (wie im Falle einiger modernerer US-amerikanischer Gefängnisse geschehen) und dabei in andere Verhältnisse gestellt, transformiert, also iteriert werden können. Aber nicht nur Architektur kann als Machtmonument verstanden werden: Im Falle des "Sexualitätsdispositiv[s]"61, von dem Foucault in Der Wille zum Wissen zeigte, dass es eng mit der Psychoanalyse verbunden ist, lassen sich andere solcher materiellen Machtmonumente finden. Die hierfür idiosynkratische Anordnung von Couch und Sessel, die Kommunikation nur in eine Richtung ermöglicht, möge als Beispiel genügen. Wiederum mag die Tatsache, dass man auf diese historischen Beispiele verweisen und sie materiell aufsuchen kann, ausreichen, um zu zeigen, dass sie ihrerseits eine gewisse kulturelle Geltung erreicht haben, und das heißt: (auf)bewahrt werden. Den Ort der 'Speicherung' von Machtmonumenten könnte man Arsenal nennen.

Wie für Aussagen gilt auch im Falle von Macht: Erst die Nutzung der Monumente lässt sie entstehen, erst der Einsatz bestimmter Machttechniken oder besser: Machtpraktiken erzeugt das je spezifische Kräfteverhältnis. Kommt der Panoptismus nicht ohne Überwachung und Prüfung aus, wäre die Einkörperung der Sexualitäten nicht ohne den noch heute – wenn auch in transformierter Form – wirksamen "Geständniszwang"62 vorstellbar. Insofern gilt auch hier: Erst die Konfiguration von Machtmonumenten und -praktiken erzeugt das Gefüge, innerhalb dessen es zu Machteffekten kommen kann. Im Anschluss an Foucault könnte man dieses als Institution bezeichnen:

Das, was man allgemein 'Institution' nennt, ist jedes mehr oder weniger erzwungene, erworbene Verhalten. Alles das, was in einer Gesellschaft als Zwangssystem funktioniert, ohne dass es eine Aussage ist, zusammengefasst, das gesamte nicht diskursive Soziale, ist die Institution.63

Die fundamentale Einsicht Foucaults, dass Macht immer schon entsteht, sobald wenigstens zwei Menschen aufeinandertreffen und daher gerade nicht institutionell verankert sein muss, bleibt von diesem Vorschlag unbetroffen: Es geht hier eher um die großen Linien der Machtausübung als um die auch in minoritären Praktiken vollzogenen Kraftverhältnisse – in der Überzeugung, dass letztere von ersteren immer schon infiziert, kontaminiert und in gewisser Hinsicht ermöglicht sind und werden. Denn die Konfiguration von Machtmonumenten und -praktiken, die wohl ebenso wie Aussagen- und Medienmonumente und -praktiken als wertvoll und selten zu gelten haben, zu Institutionen stellt eine Voraussetzung dar, der man sich ebenso wenig entziehen kann wie den historisch-empirischen Bedingungen des medialen und des historischen Aprioris. Ihnen liegen nämlich jeweils "Strategien ohne Stratege"64 zugrunde, das heißt Kalküle der Macht, die, vereinfacht ausgedrückt, im Falle des Panoptismus der Disziplinierung von Individuen zu ökonomisch nutzbringenden Subjekten, im Falle des Sexualitätsdispositivs der selbsttätigen Überwachung und Einkörperung bestimmter biologischer Normen dien(t)en. Diese Strategien, die ebenso wie die Linien von Vermittlung und Wissen durch die sie fundierende iterative Logik gekennzeichnet und damit grundsätzlich dynamisch und variabel sind, beeinflussen als empirisch gegebene, historische Tatsachen die Ausbildung, Gestaltung und Stabilisierung von Kräfteverhältnissen. Daher lässt sich analog zum historischen und medialen auch von einem strategischen Apriori ausgehen, das den Ermöglichungsgrund des Auftretens von Machttechniken und -monumenten sowie von deren Konfiguration zu Institutionen darstellt.

Wenn im Zusammenhang mit Diskursen von einem Willen zum Wissen die Rede ist, könnte man im Zusammenhang mit Medien von einem Willen zur Vermittlung sprechen. Foucaults Nietzsche-Lektüre wiederaufgenommen, ließe sich schließlich im Zusammenhang mit Kräfteverhältnissen ein Wille zur Macht konstatieren. Es wäre nun absurd zu glauben, dass diese Existenzbedingungen von Wissen, Macht und Vermittlung voneinander unabhängig seien, keine Berührungspunkte aufwiesen oder dass sie in irgendeiner Form hierarchisiert werden könnten. Foucault hatte die mehr oder weniger gleichberechtigte Verknüpfung von Wissen und Macht mit dem Begriff des Dispositivs zu fassen versucht, welches er in einem prominent gewordenen Interview folgendermaßen charakterisierte:

Das, was ich mit diesem Begriff zu bestimmen versuche, ist erstens eine entschieden heterogene Gesamtheit, bestehend aus Diskursen, Institutionen, architektonischen Einrichtungen, reglementierenden Entscheidungen, Gesetzen, administrativen Maßnahmen, wissenschaftlichen Aussagen, philosophischen, moralischen und philanthropischen Lehrsätzen, kurz, Gesagtes ebenso wie Ungesagtes. Das sind die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das man zwischen diesen Elementen herstellen kann.

Zweitens ist das, was ich im Dispositiv festhalten möchte, gerade die Natur der Verbindung, die zwischen diesen heterogenen Elementen bestehen kann. So kann irgendein Diskurs mal als Programm einer Institution, mal im Gegenteil als ein Element erscheinen, das es erlaubt, eine Praktik zu rechtfertigen oder zu verschleiern, die selbst stumm bleibt, oder er kann als Sekundärinterpretation dieser Praktik funktionieren und ihr Zugang zu einem neuen Rationalitätsfeld verschaffen. Kurz, zwischen diesen diskursiven oder nicht diskursiven Elementen gibt es gleichsam ein Spiel, gibt es Positionswechsel und Veränderungen in den Funktionen, die ebenfalls sehr unterschiedlich sein können.

Drittens verstehe ich unter Dispositiv eine Art – sagen wir – Gebilde, das zu einem historisch gegebenen Zeitpunkt vor allem die Funktion hat, einer dringenden Anforderung nachzukommen. Das Dispositiv hat also eine dominante strategische Funktion.65

Während die hier angesprochenen diskursiven Elemente in der Diskurstheorie hinreichend definiert wurden, verbleibt Foucaults Aussage in symptomatischer Weise vage, sobald es um das Ungesagte geht. Die Beispiele, die er gibt, verweisen allerdings darauf, dass damit die oben als Machtmonumente und -praktiken bezeichneten Phänomene gemeint sind. In der Folge wird zu zeigen sein, dass dem auch Medien hinzugefügt werden müssen. Zudem erweist sich an dieser Textstelle, dass – im Hinblick auf die 'Natur der Verbindung' – mit dem Konzept des Dispositivs wie oben angemerkt gerade auf die Kategorisierungsleistung hinsichtlich größerer kultureller Linien abgezielt wird, die sich durch die Analyse der jeweiligen 'dringenden Anforderung' – einer urgence – ergibt.

Wie mit Blick auf Sexualitätsdispositiv und "dispositif panoptique"66 bereits skizziert wurde, stehen Macht und Wissen also in einem engen, transduktiven Bedingungszusammenhang. Daher ist zu konstatieren, dass die zeitweilige Stabilisierung von Wissens- und Machtordnungen nur in der Reziprozität von Diskursen und Institutionen möglich ist: Streng genommen existiert nur ein Macht-Wissen, d. h. was als historisches und strategisches Apriori je wirksam wird, stammt stets aus einem sich gegenseitig befruchtenden, sich teilweise auch behindernden Gefüge aus Diskursen und Institutionen. Selbst wenn man also das historische dem medialen Apriori subsumieren wollte, ließen sich die eigentümlichen Wirkungen von Macht wohl kaum mit 'einkassieren'.

6. Mediendispositive?

Aber welche Rolle spielen nun Medien in dispositiven Ensembles? Da das Konzept des Dispositivs auch in der Medienwissenschaft äußerst fruchtbar geworden ist, mag es sich lohnen, einige Schlaglichter auf den darum geführten Diskurs zu werfen. In den medientheoretischen Diskurs eingeführt wurde der Begriff in den 1970er Jahren von Jean-Louis Baudry. Er hatte in zwei stark an psychoanalytische und marxistisch-kulturkritische Überlegungen angelehnten Artikeln67 den Kinosaal und dessen Projektionsanordnung als Dispositiv zu verstehen vorgeschlagen, dessen Teile sich mehr oder weniger direkt an die wahrnehmungsphysiologischen und -psychologischen Gegebenheiten der Zuschauer anschlössen. So entstehe bei den Kinosubjekten einerseits ein "Realitätseindruck[–]"68, mithilfe dessen herrschende Ideologie problemlos in sie transferiert werden könne, und andererseits ein Verlangen nach immer mehr Kino, weil es die Erfüllung des ursprünglichen Wunschs nach "einer Verschmelzung von Innen und Außen"69 verspreche. Bei näherem Hinsehen erweist sich zweierlei: Erstens wird der Dispositiv-(und auch der Medien-)Begriff, der doch gerade die Verknüpfung heterogener Elemente fokussiert, auf eine apparative Anordnung reduziert – Diskurs(teil)e wie beispielsweise die gezeigten Filme bleiben unbeachtet –, zweitens vermengt die passenderweise unter dem Label 'Apparatus-Debatte' erfolgende Rezeption die eher von Jean-François Lyotards "Libido-Dispositiv"70 inspirierte Darstellung Baudrys mit Foucaults Konzeption.71 Baudry führt uns also in unserem Zusammenhang nicht direkt weiter. Allerdings findet sich, davon inspiriert, aber unter stärkerer Berücksichtigung diskursiver und strategischer Elemente und insofern näher an Foucault angelehnt, Knut Hickethiers Konzept des Mediendispositivs, durch den es in den 1990er Jahren in den Bestand der deutschsprachigen Medienwissenschaft aufgenommen wurde. Hickethier zeigt am Beispiel (einer Mediengeschichte) des Fernsehens, dass dieses Massenmedium während seiner Entstehung und gesamten Existenz von Macht- und Diskursstrukturen geprägt und teils überlagert ist und war: Es entstand

nicht aus einem voluntaristischen Akt heraus, sondern aus einem Zusammenspiel von Apparate-Anordnung und Zuschauerpositionierung, von Organisationsform der Produktion von Sendungen und ihrer Ausstrahlung, von Erwartungsformulierung und dem Bild, das von einer technischen Erfindung als einem neuen Medium entsteht.72

(Massen-)Medien sind seiner Auffassung nach insofern selbst als Dispositive zu betrachten, als sie spezifische Konstellationen diskursiver und apparativ-strategischer Elemente darstellen, die spezifische Subjektwirkungen zeitigen. Allerdings stellt sich die Frage, ob eine Perspektive auf Medien als Dispositive der Vorstellung von medialer Vorgängigkeit gerecht werden kann73: Denn in Hickethiers Texten ist zwar viel von Programmstrukturen, Live-Übertragungen, Lichtemanationen usf. zu lesen – aber eine Betrachtung der so fundamentalen Medienfunktion der Phänomenalisierung bleibt aus. Das eigentlich Mediale am Fernsehen wird also marginalisiert. Vielversprechender erscheint da der Vorschlag, den Jan Distelmeyer in jüngerer Vergangenheit vorgelegt hat. In seiner Habilitationsschrift Das flexible Kino74 zeigt er auf, wie Blu-ray- und DVD-Technologie Anteil an einer größeren Strategie haben, die dem Mediennutzer im Sinne einer hochkapitalistischen Logik "Risiko, Flexibilität, Aktivität (und damit auch Mobilität)"75 abverlangen und ihn so als im Kapitalismus nützliches Subjekt anrufen – sie antworten auf die "Dringlichkeit der Digitalizität und der Flexibilisierung"76. Die Medientechnologien und die Nutzungspraktiken, die sie ermöglichen – etwa im DVD-Menü zu navigieren, Filme durch überspielte Audiokommentare aktiv zu verändern, sie zu stoppen u.v.m. –, sind, so Distelmeyer, Teil eines Dispositivs, das sich aber nicht in diesen medialen Monumenten und Praktiken erschöpft:

Vielmehr sind die diskursiven Elemente immer schon Teil des Geflechts. Sie begleiten und bedingen die Konstruktion und Anordnung von Apparaten ebenso wie unseren Umgang mit denselben, die wir durch diskursive Elemente des Dispositivs zu nutzen und zu verstehen lernen.77

Medien und Diskurse zeigen sich also im Dispositiv als miteinander vermittelte Dimensionen, die unabhängig voneinander nicht denkbar wären; auch erstere sind daher unter das 'Ungesagte' Foucaults zu subsumieren. Leider kommt aber auch Distelmeyer zu dem Schluss, dass man es bei dem von ihm beschriebenen Phänomen mit einem "DVD-Dispositiv"78 zu tun habe – zwar legt er mit der Analyse der Dringlichkeit den Grundstein, Blu-ray und DVD als Teile einer größeren, möglicherweise im Anschluss an Richard Sennett79 als 'Flexibilitätsdispositiv' zu betitelnden Konfiguration zu verstehen, geht aber diesen entscheidenden Schritt nicht. So bleibt er wie die anderen Mediendispositiv-Theoretiker hinter Foucaults eigenen Analysen zurück: Letztere hatten immer die größeren Zusammenhänge in den Fokus gestellt, Diskurse und Institutionen als Teile von sich aufgrund von urgences figurierenden Dispositiven verstanden, die zusammen die für eine Kultur (jedenfalls mittelfristig) fundamentalen Willen zum Wissen und zur Macht konstituierten.

Dennoch zeigt sich an Distelmeyers Analyse, dass Medien, Macht und Wissen im Element des Dispositivs einander bedingende Dimensionen sind, und das heißt eben auch, dass die Genese und Transformabilität von Medien außerhalb von Dispositiven nicht vollends verständlich werden. Gehen wir zuletzt zurück zu Foucaults Dispositivanalysen, lässt sich die Rolle des Medialen noch weitergehend exemplifizieren. Die panoptische Institution wäre ohne Monumente und Praktiken der Wissensgenerierung nicht existenzfähig, aber sie wäre es auch nicht ohne Medienmonumente und -praktiken: Der die Überwachung konstituierende Blick, die Tabellenform der Aufzeichnungen über die Gefangenen/Kasernierten/Schüler/Patienten, die Sprache des Verhörs – sie alle erweisen sich als essenziell für die Funktionsfähigkeit des Panoptikons. Selbiges gilt für das Sexualitätsdispositiv: Das Geständnis ist eine Form des Gesprächs; ohne diese zentrale Macht- und Medienpraktik existierte keine Subjektivierung durch die Internalisierung biopolitischer Normativität. An diesem Beispiel zeigt sich auch, dass Medien-, Wissens- und Machtmonumente und -praktiken keine ontisch unterscheidbaren Handlungen oder Objekte sind. Im Gegenteil: Nicht selten überschneiden sie sich, fallen in eins, sind vordergründig nicht klar zu trennende, miteinander verwobene, eben: transduktive Phänomene, die sich als mehr oder weniger distinktierbare Einheiten nur dem analytischen Blick enthüllen. Allerdings erweist es sich als sinnvoll, sie in dieser Weise zu trennen. Dieses Vorgehen verspricht nämlich, den von Foucault betonten Diskontinuitäten auf die Spur zu kommen: Die miteinander verbundene, aber je eigenen Logiken – des Wissens, der Macht, der Vermittlung – folgende Genese diskursiver, institutionell-strategischer und medialer Monumente und Praktiken erweist sich als ein Geflecht, in dessen Zwischenräumen Kontingenz und minoritäre Praktiken hausen und das das Auftreten auch radikal anderer Wissens-, Macht- und Medienräume erlaubt.

7. Schluss: Historisches, mediales und strategisches Apriori?

Nimmt man an, dass Dispositive die Konstitutionsorte von Medien, Diskursen und Institutionen darstellen, bleibt festzuhalten, dass sie von den in Depot, Archiv und Arsenal vorfindlichen kulturellen Praktiken und Monumenten als ihren Voraussetzungen abhängen. Sie sind gewissermaßen als Emergenzphänomene zu verstehen, die ihrerseits Emergenzeffekte bewirken, d.h. über die Summe der Willen zum Wissen, zur Macht oder zur Vermittlung je eigenen Möglichkeits- oder Existenzräume hinausgehende Wirkungen zeitigen, die sich allein aus historischem, strategischem oder medialem Apriori heraus nicht begreifen lassen. Letztere entstehen – in all ihrer Dynamik und potenziellen Diskontinuität – nichtsdestoweniger nur dann, wenn sich im Element des Dispositivs Diskurse, Institutionen und Medien transduktiv durchdringen. Wenn auch Dispositive als relativ stabile Phänomene über ein gewisses Beharrungsvermögen verfügen, haben sie durch die ständig notwendige Iteration der sie figurierenden Medien-, Diskurs- und Institutionsmonumente und -praktiken doch eine Dynamik und Variabilität inne, die sich wiederum in diese Speicher einschreiben und so dafür sorgen, dass, profan formuliert, 'die Aprioris von heute' nicht die 'Aprioris von morgen' sind. Die fundamentale Historizität, der sich auch und gerade der/die Untersucher/in dieser Konstellationen bewusst sein muss, gilt also für alle Existenzvoraussetzungen des Wissens, der Kräfteverhältnisse und der vermittelnden Wahrnehmung.

Es ist insofern terminologisch unsauber, nur die Summe der gerade geltenden Wissensbedingungen als historisches Apriori zu bezeichnen, auch wenn der Begriff durch die Foucault-Rezeption eine gewisse Gravität besitzt. Sinnvoller erscheint vor dem Hintergrund der hier getroffenen Differenzierungen, ein diskursives Apriori anzunehmen, das zusammen mit medialem und strategischem Apriori das historische Apriori einer spezifischen Kultur an einem spezifischen raumzeitlichen Punkt bildet. Dies würde zweierlei ermöglichen: Einerseits lässt sich so die oben postulierte analytische Trennung zwischen den drei fundamentalen Dimensionen vornehmen und lassen sich die auf einer Mesoebene angesiedelten (Entwicklungs-)Linien von Wissen, Medien und Macht nachzeichnen, ohne etwa in die Versuchung zu geraten, das eine dem anderen Apriori unterordnen oder gar eines durch ein anderes substituieren zu wollen. Andererseits können durch ihre Zusammenfassung die großen, relativ stabilen dispositiven Phänomene, die sich durchhalten, umbauen, verändern und vergehen, in den Blick geraten.